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NR. 001 · NOVELLEN · 2026.05.10 · 150 Min

Gutachten

#NOVELLE#SCHWEIGEN#FORENSIK#KIEL
Ein forensischer Psychiater hat dreißig Jahre lang das Schweigen anderer Männer in Berichte übersetzt. An einem Mittwoch im April kehrt einer von ihnen zurück, stellt eine einzige Frage, und Stoll beginnt zu begreifen, daß die Akten, die er in den Jahren danach gefüllt hat, von Anfang an seine eigenen waren.

I. Das Wasserglas

Stoll hatte sich angewöhnt, vor jedem Probanden das Glas zu füllen, das er nie austrinken würde. Er füllte es am Vormittag, wenn er aus dem Erkergeschoß die Treppe in die Praxis hinunterstieg, in dem schmalen Treppenhaus, in dem es seit zwölf Jahren immer leicht nach Bohnerwachs roch, obwohl niemand mehr bohnerte, denn Frau Lewerenz, die seit vierzehn Jahren tot war, hatte alle vierzehn Tage gebohnert, und der Geruch hielt sich in der Holzvertäfelung wie eine späte, hartnäckige Behauptung ihrer Anwesenheit, die er, Stoll, nie zu widerlegen versucht hatte. Er füllte das Glas, weil eine Beobachtung leichter fiel, wenn er in der Hand etwas hielt, das nicht sprach. Er füllte es bis zur halben Höhe, denn ein bis oben gefülltes Glas, hatte er einmal in einem seiner ersten Gutachten festgehalten, bringe Probanden in eine sonderbare Form von Anspannung, weil sie befürchteten, der Gutachter werde es umstoßen, und ein leeres Glas wirke wie eine Aufforderung, in die nächste Stunde hineinzusprechen, was er nicht wollte; ein halb gefülltes Glas hingegen, das hatte er sich inzwischen nicht mehr nur in Gutachten, sondern in einer Art berufstheologischer Eingebung sich selbst gegenüber bestätigt, sei der einzige Aggregatzustand der menschlichen Sprechbereitschaft, der ein Gutachten überhaupt zulasse.

Er hatte das Glas an diesem Vormittag, einem Mittwoch im April, schon gefüllt, denn um neun war ein Termin angesetzt mit einem Probanden, der nicht erschienen war, und um halb zehn ein zweiter, der ebenfalls nicht erschienen war, denn beide saßen in Untersuchungshaft und es war, wie sich später per Anruf herausstellte, in der Anstalt eine Bombendrohung aufgekommen, die zwar nicht ernst, aber nicht gänzlich auszuschließen sei, weshalb keine Vorführung stattfinde, und Stoll, der diese Mitteilung mit jener Höflichkeit aufnahm, die er sich, wie er sich oft sagte, als eine Art beruflicher Rückenwirbelsäule angeeignet hatte, ohne deren Geradehaltung sein gesamtes inneres Skelett in den vergangenen dreißig Jahren zusammengebrochen wäre, hatte sich danach, weil ihm nichts Besseres einfiel, an den Schreibtisch gesetzt und das Glas angesehen, ohne zu trinken.

Es war eine Eigenheit des Wartens, hatte er sich vor Jahren in einem methodologischen Aufsatz für das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt notiert, der dann allerdings, in der Endredaktion, zu einer Abhandlung über Sprechfähigkeit und Schweigen geraten war und nicht über das Warten, daß es sich in seiner Reinform nur an Berufsmenschen zeige, die das Warten als Bestandteil ihrer Tätigkeit betrachteten und nicht als deren Unterbrechung; die meisten Menschen empfänden, wenn sie auf einen Termin warteten, der nicht eintrete, eine Form von Erleichterung, weil ein nicht eingetretener Termin ein freier Termin sei und ein freier Termin Zeit für andere Dinge bedeute. Berufsmenschen seines Schlages hingegen, hatte er weiter geschrieben, fänden in dem nicht eingetretenen Termin keine Freiheit, sondern eine kleine, ärgerliche, an der Berufsausübung selbst hängende Lücke, in die hinein sie nichts setzen könnten als die Erinnerung an frühere Termine ähnlicher Art, von denen sie wußten, daß sie eingetreten und vergangen waren, ohne irgendeinen Eindruck hinterlassen zu haben außer dem Eindruck, daß auch sie eingetreten und vergangen seien. Er hatte den Satz damals bezeichnet als eine Art forensisch-existentiellen Befund, war jedoch, in der Endredaktion, von dem Begriff existentiell wieder abgekommen, weil er ihm, hatte er gefunden, eine Privatheit zumute, die in einem Fachblatt unangemessen sei.

Er saß also, an diesem Mittwoch im April, in der Lücke zweier nicht eingetretener Termine, und während ein anderer in dieser Stunde gefrühstückt oder einen Brief geschrieben oder die Praxisablage geordnet hätte, ordnete er, weil er die Praxisablage nicht ordnen wollte, denn die Praxisablage war seit elf Jahren in einem Zustand, dem er sich nicht widersetzte, weil ein Widersetzen, hätte er einmal angefangen, in der Bilanz seines beruflichen Lebenstages eine Stunde gefressen hätte, die er der Begutachtung schuldete, in seinem Kopf die Reihenfolge der Probanden, die er in den vergangenen sechs Wochen begutachtet hatte. Es waren vier gewesen. Der erste, ein Mann namens Nehrhus aus Heide, hatte einen Treppensturz seiner Lebensgefährtin verursacht haben sollen, von dem er nichts wußte oder nichts wissen wollte; Stoll hatte für vermindert gehalten, das Gericht hatte sich angeschlossen. Der zweite, ein Schiffskoch namens Bremer, hatte auf der Fähre nach Faaborg einen Kollegen mit einem Spachtel verletzt; in der Begutachtung hatte sich herausgestellt, daß Bremer den Kollegen mit einem anderen Mann verwechselt hatte, einem Schwager, der ihn zwölf Jahre zuvor um eine Erbschaft gebracht hatte, was Stoll als affektiven Verkennungstäter eingeordnet hatte. Der dritte, eine Frau, die in einem Lübecker Pflegeheim drei Bewohnern Insulin verabreicht hatte, von dem keiner Diabetiker war, hatte geschwiegen. Stoll hatte ihren Fall nicht abschließen können; sie war kurz vor dem zweiten Termin in U-Haft an einer Lungenembolie gestorben, was er, ohne damit jemanden zu belasten, in seinem Kopf als das einzige Schlupfloch verbucht hatte, das ein nichtkooperativer Proband, jenseits des Sprechens, sich noch leisten könne. Der vierte, ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, namens Henning, hatte in einem Wagen am Westring einen Bekannten getötet, ohne ihn zu kennen, und hatte die Tat zugegeben, was Stoll als Erleichterung empfunden hatte, weil ein Geständiger ihm das Lesen abnahm und er den Tag, an dem er Henning begutachtete, als einen Tag fortlaufender beruflicher Routinearbeit nach Hause getragen hatte, also als einen guten Tag. Stoll bemerkte, in dem Augenblick, in dem er diese Reihenfolge in seinem Kopf abrief, daß die guten Tage in seiner beruflichen Bilanz die seltensten waren, was, hatte er sich oft gesagt, an der Auswahl der Probanden lag und nicht an seiner Disposition.

Frau Lewerenz, die seit vierzehn Jahren tot war, hatte ihm einmal, in den späten neunziger Jahren, an einem Vormittag, der ihm jetzt in einer kleinen, hellen Schärfe wiederkehrte, an der Tür gestanden und gesagt: Herr Doktor Stoll, ich glaube, Sie sollten heute nicht arbeiten. Er hatte gesagt: warum, Frau Lewerenz. Sie hatte gesagt: weil Sie aussehen wie ein Mann, der in seinen eigenen Räumen verloren ist. Er hatte sie angesehen, wie ein Berufsmensch eine Sekretärin ansieht, die unfreiwillig in den Innenraum seines Lebens hineinblickt, mit einer Mischung aus Erstaunen und Abwehr, die einer Begutachtung niemals standgehalten hätte, und er hatte gesagt: ich danke Ihnen für die Sorge, Frau Lewerenz, aber ich habe einen Termin um elf. Sie hatte genickt und war wieder hinausgegangen, mit dem Tablett, auf dem die zwei Kaffeetassen standen, die sie ihm in jenen Jahren am Vormittag brachte und die er, weil er nie Kaffee trank, aber weil er ihr die kleine Aufmerksamkeit nicht entziehen wollte, immer entgegennahm, ohne zu trinken. Er hatte den Termin um elf wahrgenommen. Er hatte das Gespräch von Frau Lewerenz vergessen, oder, das war die genauere Beschreibung, in einer Form abgelegt, in der es ihn, achtundzwanzig Jahre später, an einem Mittwoch im April, ohne Vorwarnung wieder besuchen konnte, mit der vollen Helligkeit dessen, was es damals gemeint haben würde, hätte er es zugelassen. Er sah jetzt, mit dem Glas in der Hand, daß Frau Lewerenz die einzige in dreißig Jahren gewesen war, die ihm einen Hinweis auf sich selbst gegeben hatte, und er sah, daß er den Hinweis nicht angenommen hatte, weil er glaubte, er, ein Sachverständiger, brauche keine Hinweise von Sekretärinnen.

Das Telefon klingelte. Stoll nahm ab. Es war wieder die Geschäftsstelle der Anstalt, die ihm mitteilte, daß der zweite Termin nun für den Nachmittag in Aussicht gestellt sei, falls er, Stoll, in der Lage sei, gegen sechzehn Uhr in der Anstalt selbst zu erscheinen, da der Proband nicht zur Vorführung in eine externe Praxis transportiert werden könne. Stoll sagte: ich werde sehen. Die Stimme am anderen Ende, eine junge Beamtin, die er nicht kannte und die ihn duzte, ohne ihn zu duzen, also auf jene Weise, in der jüngere Behördenangestellte mit älteren Sachverständigen sprechen, weil sie die alte Förmlichkeit nicht mehr beherrschen und die neue Lockerheit für Höflichkeit halten, sagte: das wäre uns sehr lieb. Stoll legte auf. Er notierte den Termin nicht. Er wußte, daß er nicht hingehen würde. Es war zehn Uhr siebzehn.

Er sah, von seinem Schreibtisch aus, in den Spiegel im Flur des leerstehenden Friseursalons gegenüber, einen Spiegel, der eine geringfügige Krümmung aufwies, weil das Schaufenster, in das er eingelassen war, in den vergangenen Jahren von einem Lastwagen einmal gestreift worden war, einer Streifkollision, an die sich, außer Stoll, niemand mehr erinnerte; er sah sich, in dieser Krümmung, als einen schmalen Mann mit grauer, nach hinten gekämmter Schläfe, einem Mantel, den er nicht trug, einem Hemd, das er trug, einer Krawatte, die er, weil er sich für Probanden, die er nie wieder sehen würde, nicht zurechtmachen wollte, an diesem Vormittag nicht angelegt hatte. Er sah sich; er senkte den Blick; das Glas war halb. Er hob das Glas; setzte es ab; sah zur Tür.

Es war zehn Uhr vierundzwanzig, als die Tür sich öffnete, ohne daß zuvor geklopft worden wäre.

Im Türrahmen stand ein Mann von vielleicht vierundsechzig Jahren, sauber rasiert, in einem Mantel, der bei einem Schneider in der Holstenstraße geändert worden sein mußte, denn er saß zu gut für jemanden, der nichts besaß. Stoll sah den Mantel zuerst, dann das Gesicht, was eine Reihenfolge war, an die er sich gewöhnt hatte, denn die Mäntel der Probanden, die in seine Praxis kamen, waren in den allermeisten Fällen das einzige Stück, an dem die Kontur eines Lebens noch ablesbar gewesen war. Der Mantel des Mannes im Türrahmen war ein guter, alter Mantel, und das Gesicht darüber war das Gesicht eines Mannes, der einundzwanzigtausend Tage damit verbracht hatte, etwas nicht zu sagen.

Es klopfte nicht. Die Tür stand auf. Der Mann sagte, ohne hereinzutreten: ich darf? Stoll hörte das polnische Echo unter dem Wort, ein angeschliffenes Echo, Schliff aus achtundzwanzig Jahren Vollzug. Er sagte: ja. Setzte das Glas ab. Hob es wieder. Setzte es wieder ab, so daß seine Hand etwas zu tun hatte, das nicht denken war.

Sobczak, denn so hieß der Mann, das wußte Stoll, ohne sich an den Namen erinnern zu müssen, weil das Wissen sich noch vor der Erinnerung in seinem Brustbein festsetzte, einer Stelle, an der er, wie er aus zwei seiner ältesten Gutachten wußte, das Wiedererkennen lokalisierte, Sobczak setzte sich nicht. Er blieb am Fenster stehen, die Hände im Mantel, und sah auf den Knooper Weg hinunter, der im Aprillicht einen Glanz hatte, wie er ihn nur an wenigen Tagen im Jahr besaß. Eine Straßenbahn fuhr nicht, denn es gab keine. Ein Bus hielt. Kinder stiegen aus. Sobczak sagte: ich war in Kiel das letzte Mal im Jahre 1992. Ich habe Hunger. Aber das ist eine andere Sache. Ich bin gekommen, weil ich Sie nicht vergessen konnte.

Stoll wollte etwas sagen. Sagte nichts.

Sobczak sagte: alles, was Sie damals geschrieben haben, war richtig. Und wissen Sie, woher Sie es wußten?

Stoll hatte, denn das war ihm in diesem Moment im Sprechzimmer in der ersten Etage am Knooper Weg über Friseur Maczeks ehemaligem Salon, der seit drei Jahren leer stand und in dem der Spiegel, vom Bürgersteig aus zu sehen, immer noch dort hing, wo er hängen gebrauchte, in einem ungewohnten Maße bewußt, über zweihundert Gutachten verfaßt in dreißig Jahren, fast ausschließlich über sogenannte nichtkooperative Probanden, also über Beschuldigte, die schwiegen, und er hatte sich daran gewöhnt, daß seine Antworten auf das Schweigen anderer Menschen vor Gericht als deren Aussagen gewertet wurden, denn was anderes hätte ein Gericht tun sollen, wenn der Beschuldigte schwieg, als sich an einen Mann zu wenden, der das Schweigen las wie andere die Schrift. Er hatte sich daran gewöhnt, ohne sich zu wundern, daß er, indem er das Schweigen las, fast immer recht behielt. Er hatte sich gewöhnt, weil Berufsmenschen sich an alles gewöhnen, was zu ihrem Beruf gehört, einschließlich des eigenen Talents, und ein Talent, das sich nicht erklären lasse, hatte er sich oft gesagt, sei in den seltensten Fällen ein wirkliches Talent, sondern, viel öfter, eine bisher nicht aufgedeckte Voreingenommenheit, eine Heimlichkeit des Erkennens, die sich in den Vorrang der Form vor dem Inhalt eingeschlichen habe und die er, wäre er ein anderer, an einem anderen, in einem seiner Gutachten als möglichen Hinweis auf eine ältere, nicht aufgearbeitete Schuld benannt hätte.

Aber er war nicht dieser andere. Er war Stoll, einundsechzig Jahre alt, im Sprechzimmer am Knooper Weg, mit Sobczak am Fenster, der nicht herübersah, sondern den Bus betrachtete, der schon weitergefahren war, und Stoll, der einundsechzigjährige Stoll, der sich an seine eigene Hand klammerte als an etwas Fremdes, war plötzlich nicht mehr sicher, woher er es gewußt hatte.

Er sagte: kommen Sie wieder, wenn Sie Hunger haben.

Sobczak nickte. Sagte: ich werde nicht wiederkommen. Ich wollte das nur einmal gesagt haben.

Ging hinaus.

Die Tür fiel ins Schloß, ohne daß sie geklirrt hätte, denn die Türen in dem Haus am Knooper Weg waren zu schwer, um zu klirren, sie fielen mit einem Ton, den Stoll, weil er ihn, in dreißig Jahren, mehr als zwanzigtausendmal gehört hatte, nicht mehr hörte, außer an diesem Mittag, an dem er ihn so vernahm, als hätte zum ersten Mal seit dreißig Jahren jemand das Haus wirklich verlassen.

Er blieb am Schreibtisch sitzen. Die Tür hatte sich wieder geschlossen. Er bemerkte erst nach einigen Minuten, daß das Wasserglas zur Hälfte geleert war, ohne daß er getrunken hätte.

II. Sprechstunde

Es ging ihm nicht aus dem Kopf, daß er nicht getrunken hatte und das Glas dennoch halb leer war, und er stand auf, ging um den Schreibtisch herum, betrachtete das Glas von der anderen Seite, weil er, in einem von ihm selbst nie ganz erklärten Reflex, in solchen Augenblicken die Perspektive zu wechseln pflegte, denn ein Befund, hatte er in einem seiner mittleren Gutachten geschrieben, sei nur dann gesichert, wenn er sich von zwei Seiten her ergebe, und er sah das Glas von rechts an und sah das Glas von links an, und es war beide Male halb. Er ging zur Tür, zog sie auf, sah in den Flur. Im Flur lag, vor dem Schirmständer, in dem seit acht Jahren kein Schirm mehr stand, eine Visitenkarte, die er einen Augenblick lang für seine eigene hielt, was sie nicht war, sie war von einem Versicherungsmakler, der vor Wochen Werbung gemacht hatte, und Stoll hob sie auf, wofür er seine Hand zwingen mußte, denn die Bewegung war nicht selbstverständlich, und er legte sie auf das Telefonbuch, das auf dem Tischchen lag und niemals benutzt wurde, und kehrte ins Sprechzimmer zurück.

Er stand auf, ging in den Flur, nahm den Schlüssel zum Aktenkeller vom Haken neben dem Mantelständer. Sein Mantel hing dort, wie immer, seit zwölf Jahren am selben Haken, denn als er ihn 2014, im Jahr nach Charlottes Tod, dort einmal kurz an den anderen Haken gehängt hatte, weil der erste verbogen war, war ihm der Mantel zweimal heruntergefallen, was er als ein Zeichen gewertet hatte, dem er nicht widersprochen hatte, denn er widersprach Zeichen prinzipiell nicht, das war eine Disposition, die er bei Probanden oft als auffällig diagnostiziert hatte, ohne sie an sich selbst je auffällig zu finden. Den Mantel nahm er nicht ab, denn er ging nicht hinaus, er ging hinunter.

Die Treppe in den Aktenkeller hatte dreizehn Stufen, das wußte er, das hatte er nie gezählt, das war eine Tatsache, die ihm ohne Zählen mitgeteilt worden war, von wem, das wußte er nicht. Er stieg hinab. Im Keller war der Geruch immer derselbe, ein Geruch nach Papier, das langsamer altert als die Erinnerungen, die darauf festgehalten sind, ein Geruch nach Bleistift, weil er seit dreißig Jahren nichts anderes verwendete, ein Geruch nach Tee, weil Frau Lewerenz, die seit vierzehn Jahren tot war, im Keller einmal in der Woche Tee getrunken hatte, einen Friesentee, den sie aus einer kleinen Dose holte, die sie zwischen den Aktenwänden versteckte, als wäre der Tee eine Schmuggelware, und der Geruch hatte sich in den Aktenwänden festgesetzt und sie überlebt; und seit drei Jahren mischte sich darin auch ein Geruch nach Mäusen, denen er, weil er nicht Hand anlegen konnte und keinen Hand­anlegenden mehr hatte, freien Lauf gelassen hatte, wofür sie ihm, in einer Art Übereinkunft, die Akten respektierten und nur den Karton mit den uralten Steuerunterlagen zerfraßen.

Er ging zur Wand mit den Verfahren von 1992. Es waren nicht viele, denn 1992 hatte er erst angefangen, und die Hauptlast seiner Karriere lag dazwischen, also ab 1996, als die ersten großen Gutachten kamen, die seinen Ruf machten. Er suchte nach dem Aktenzeichen S 14/92, denn so hatte das Verfahren gegen Sobczak geheißen, das wußte er noch genau, S für Sobczak, vierzehnter Fall, 92 für 1992, und er fand den Hefter, einen schmalen Hefter, denn das Verfahren war kurz gewesen, weil Sobczak geschwiegen hatte und Stolls Gutachten den Ausschlag gegeben hatte und dann nichts mehr nötig gewesen war.

Er nahm den Hefter mit nach oben, ins Sprechzimmer, setzte sich, schlug ihn auf, las. Er las sein eigenes Gutachten, vierundzwanzig Seiten, mit Schreibmaschine geschrieben, denn damals hatte er noch Schreibmaschine geschrieben, eine Erika 30, die seitdem im Schrank stand und nicht mehr benutzt wurde. Er las die ersten zehn Seiten, die die Anamnese und die Exploration beschrieben, und er las nichts, was er nicht erwartet hätte: Geburtsort Stettin, geboren 1961 als Sohn eines Werftarbeiters, Übersiedlung nach Kiel 1986 als Schiffsschweißer im Auftrag einer Werft, die zwei Jahre später Konkurs anmeldete, danach Hilfsarbeiten, zuletzt Hausmeisterei in der Düppelstraße, ledig, kinderlos, kein Eintrag im Bundeszentralregister, nicht aktenkundig, von den Mitarbeitern der Beratungsstelle als „still und korrekt” beschrieben, von der einzigen Person, die zu seiner Person aussagen konnte, einem ehemaligen Werftkollegen, der inzwischen in Stralsund wohnte, als „der Mann, der nie etwas wollte”, bezeichnet. Er las die ersten zehn Seiten, sah sich selbst beim Schreiben dieser Seiten zu, ein junger Stoll von einunddreißig Jahren, der eine Anamnese aus dem Wenigen zusammenfügte, das ihm vorlag, und er erkannte in diesem jungen Stoll einen Kollegen, den er nicht gekannt hatte und der seine Arbeit ordentlich tat und nichts hatte ahnen können.

Aber als er die Seiten elf bis siebzehn las, in denen er die Persönlichkeitsstruktur des Probanden beschrieben hatte und die Tatdynamik rekonstruierte, las er Sätze, die er nicht hätte geschrieben haben können, denn er hatte sie nicht erfunden, und doch hatte er sie geschrieben.

Auf Seite vierzehn stand: „Der Proband empfand zur Tatzeit keine Wut. Er empfand das, was er empfand, als notwendig, im Sinne einer abschließenden Geste, die er bereits seit Wochen vorbereitet hatte und für deren Vollzug er einen Anlaß abwartete, der sich an diesem Abend, durch das Verhalten der Geschädigten, ergab. Die Tat hatte für den Probanden den Charakter einer Korrektur, nicht den einer Ausschreitung. Er hat den Tatort verlassen, ohne sich zu hetzen.”

Auf Seite sechzehn stand: „Der Proband hat nach der Tat eine Maßnahme der Selbsthygiene vorgenommen, die er als stereotyp und nicht inszeniert bezeichnen wird, sofern er sich überhaupt äußert. Er hat sich an einem ihm vertrauten Wasserlauf die Hände gewaschen. Er hat dabei nicht gehetzt. Er hat sich anschließend, in ruhiger Haltung, vom Tatort entfernt, in nordwestlicher Richtung, ohne Eile, jedoch nicht in der Verfassung eines Spaziergängers, sondern in der eines Mannes, der einen Termin einhalten muß, dessen Eintritt aber nicht mehr von ihm, sondern von einer äußeren Vereinbarung abhängt.”

Auf Seite siebzehn stand der Schlußsatz dieses Abschnitts, von dem Stoll, was ihm, während er ihn las, in einer Form von körperlicher Einsicht aufging, die er später als das Brennen unter dem Brustbein beschreiben würde, gewußt hatte, daß er ihn so geschrieben hatte: „Der Proband hat den Tatort verlassen mit dem Bewußtsein, etwas richtig getan zu haben, das er nicht hätte tun dürfen. Er hat dieses Bewußtsein in den darauffolgenden Stunden in sich abgekapselt, wie es Menschen tun, die in einer beruflichen Sozialisation gelernt haben, die eigene Verantwortung von der eigenen Handlung zu trennen und in zwei verschiedenen Räumen ihres Bewußtseins aufzubewahren, von denen der eine bei Tag, der andere bei Nacht aufgesucht wird.”

Stoll legte den Hefter auf den Schreibtisch. Stand auf. Setzte sich. Trank das Wasserglas leer. Es schmeckte nach nichts. Er hatte im Vollzugsbericht 1995 gelesen, daß Sobczak sich nicht erinnere, weder an die Tat noch an den Tatort, und er hatte im Vollzugsbericht 1995 gelesen, daß Sobczak nichts gesagt habe, weder zu den Wärtern noch zu den Sozialarbeitern noch zu dem Hausgeistlichen, der ihn zu betreuen versuchte. Aber er, Stoll, hatte vor dreißig Jahren in dieses Gutachten geschrieben, was ein Mann fühlt, der eine Frau in einem Hinterhof in der Düppelstraße tötet und dann den Hof verläßt, ohne sich zu hetzen, und er hatte nicht gewußt, daß er das wußte, und jetzt wußte er nicht, wer das gewußt hatte.

Er rief in der JVA an, wo Sobczak bis zum 6. April 2026 sechsundzwanzig Jahre, neun Monate und vier Tage verbracht hatte. Er fragte, ob Sobczak im Vollzug gesprochen habe. Er bekam zur Antwort, daß Sobczak in achtundzwanzig Jahren mit niemandem gesprochen habe außer mit dem Hausgeistlichen, einem Pater Wendelin, der seit zwölf Jahren tot sei. Er fragte, ob es Hinweise auf eine Bekanntschaft des Probanden mit anderen Insassen gegeben habe. Er bekam zur Antwort, daß Sobczak im Hauptgefängnis stets Einzelgänger gewesen sei, daß es jedoch zwei Verlegungen gegeben habe, eine im Jahr 1999 nach Lübeck-Lauerhof und eine im Jahr 2006 zurück, und in der Lübecker Zeit habe er, in der Werkstatt, neben einem Mitinsassen gearbeitet, von dem die Anstalt mitteilte, er sei seit 2008 wieder draußen gewesen, sei dann jedoch erneut auffällig geworden und sitze jetzt erneut in Lübeck-Lauerhof, ein gewisser Petrie, Mechaniker. Er legte auf. Saß. Bemerkte, daß die Bleistiftspitze auf dem Schreibtisch abgebrochen war, ohne daß er den Bleistift in die Hand genommen hätte.

Er las die Schlußseite des Gutachtens, auf der die formelhafte Empfehlung stand, der Proband sei nach § 20 StGB als zum Tatzeitpunkt schuldunfähig zu betrachten, eine Empfehlung, der das Gericht dann erstaunlicherweise nicht gefolgt war, weil zwischen der Begutachtung und der Hauptverhandlung ein zweiter Sachverständiger eine zweite Begutachtung vorgenommen hatte, ein Gutachter aus Hamburg, von dem Stoll später hörte, er sei in den neunziger Jahren in einer Reihe von Verfahren tätig gewesen, in denen Schuldfähigkeit großzügig vergeben wurde, ein Mann, hatte ihm ein älterer Kollege beim Westring-Empfang einmal zugeflüstert, der für die Justiz das tat, was die Justiz von ihm wollte. Stoll hatte das aufgenommen und nicht weiter darüber nachgedacht, denn es ging ihn nichts an. Er hatte, so las er es jetzt nochmals nach, nach der Hauptverhandlung beim damaligen Vorsitzenden, einem Richter Dr. Sander, ein klärendes Gespräch beantragt, das jedoch unterblieb; er hatte daraufhin in einer kurzen, schriftlichen Eingabe an die Generalstaatsanwaltschaft seinen Befund bekräftigt; die Eingabe war, mit höflichem Bedauern, zur Kenntnis genommen worden. Er hatte das Verfahren danach abgehakt. Er hatte, seit jenem Frühjahr 1992, mit seiner Schwester nicht mehr darüber gesprochen, ob ein Mann verurteilt worden sei, der nicht hätte verurteilt werden sollen, denn er hatte, seit jenem Frühjahr 1992, mit seiner Schwester nicht mehr gesprochen, weil sie verschwunden war. Er las die Schlußseite ein zweites Mal. Er fand, daß sein junger Selbst, vor dreißig Jahren, mit einer Schärfe des Befundes, die ihn jetzt beschämte, weil er sie heute nicht mehr in dieser Reinheit aufzubringen imstande wäre, geschrieben hatte: „Es ist nicht zu erwarten, daß der Proband im weiteren Verfahren zu einer Aussage bereit sein wird. Es ist nicht zu erwarten, daß er an seiner Verurteilung Anstoß nimmt. Es ist anzunehmen, daß er das Strafmaß als formal angemessen empfinden wird, ohne in der Schuldfrage selbst eine Klärung zu suchen, da die Schuldfrage für ihn, in einem nicht leicht zu beschreibenden, aber persönlichkeitsbedingten Sinne, nicht zur Klärung steht.”

Stoll legte das Gutachten beiseite. Er stand auf, ging an das Bücherbord, holte den Band der Schleswig-Holsteinischen Justizrundschau aus dem Jahr 1993 herunter, in dem das Urteil im Verfahren Sobczak besprochen worden war, blätterte, fand die Besprechung, las, daß der Hamburger Gutachter, von dem inzwischen feststand, daß er 2007 verstorben war, den Probanden für voll schuldfähig gehalten habe und den Befund Stolls in einer Fußnote als „theoretisch zwar konsequent, jedoch in der vorliegenden Tatkonstellation nicht plausibel” abgetan habe. Stoll legte den Band zurück. Er bemerkte, daß seine Hände nicht zitterten, was er, hätte er sich begutachtet, als auffällig vermerkt hätte, denn die Hände eines Mannes, der eine fundamentale Erkenntnis über sein eigenes Leben sammele, sollten zittern, und seine zitterten nicht.

Er stand auf, ging zur Wand, sah die Reproduktion des Holzschnitts an, den seine Schwester Hannelore ihm 1989 zum Praxisbezug geschenkt hatte, einen Holzschnitt von Felix Hollenberg, der eine Stadt im Schnee zeigte, genauer gesagt das Holstentor in Lübeck, das er, weil er Hollenberg nicht kannte und nicht erkannt hatte, dreißig Jahre lang für eine Norddeutsche Allerweltsstadt gehalten hatte; er stand vor dem Holzschnitt, sah das Holstentor, das er nicht erkannte, und hörte Sobczak im Türrahmen, der ihn fragte, woher er es gewußt habe, und er versuchte, sich an Hannelore zu erinnern, an ihre Stimme, an ihren Gang, an die Art, wie sie an seinem Arm gehängt hatte beim Begräbnis ihres Vaters 1986, und er konnte sich an alles erinnern, an die Begräbnis, an den Vater, an den Pfarrer, an den Wind in den Buchen am Eichhof, aber er konnte sich nicht erinnern, ob Hannelore an seinem Arm gehängt hatte, denn an dieser Stelle, an genau dieser Stelle, war die Erinnerung weiß, eine weiße Stelle, von der er sein Leben lang nicht gewußt hatte, daß sie da war, weil weiße Stellen sich erst dann zeigen, wenn man sie gegen einen dunklen Hintergrund hält, und der Hintergrund war jetzt dunkel.

Er setzte sich wieder. Es war Nachmittag. Er hatte nicht gegessen. Er hatte keinen Hunger. Er sah aus dem Fenster auf den Knooper Weg, auf den der Bus jetzt nicht mehr hielt, denn die Mittagslinie war abgefahren und die Nachmittagslinie noch nicht angekommen, und er sah auf der gegenüberliegenden Seite, in dem leeren Schaufenster des Friseurs Maczek, der vor drei Jahren aufgegeben hatte, sein eigenes Spiegelbild, von dem er, im Vorbeisehen, hatte annehmen wollen, daß es seines war, das er aber, als er es länger ansah, nicht eindeutig zuordnen konnte, denn es schien ihm, als hänge das Spiegelbild ein wenig nach, und ein Spiegelbild, das nachhängt, hatte er einmal in einem Gutachten geschrieben, sei der erste Hinweis darauf, daß ein Beobachter sich selbst nicht mehr ganz folge.

Er stand auf, ging in die Wohnung im Erkergeschoß, legte sich aufs Bett, ohne sich auszuziehen. Schlief nicht. Lag bis zum Morgengrauen. Ging einmal an das Fenster, sah hinunter, sah eine Frau mit einem Hund vorbeigehen, eine Frau, die er nicht kannte, deren Hund er aber zu kennen glaubte, weil er in einem seiner Gutachten von 2017 einen Hund beschrieben hatte, der dem nun vorbeilaufenden Hund glich, ein Hund, der seinem damaligen Probanden, einem Mann namens Bremer, ohne Verwandtschaft mit dem Schiffskoch desselben Namens, in der Tatnacht offenbar zwischen den Beinen herumgelaufen sei und ihn so daran gehindert habe, das zu tun, was er sich, Bremer, vorgenommen gehabt hatte, was Stoll damals als „situativ stabilisierende Tierpräsenz” festgehalten hatte und was, fiel ihm jetzt ein, eine Formulierung gewesen war, deren Albernheit er nicht erkannt hatte, weil er zu sehr auf den Ernst des Inhalts versessen gewesen sei. Er sah dem Hund nach. Er ging zurück zum Bett. Sah die Decke an. Versuchte sich an Hannelore zu erinnern. Erinnerte sich an viele Hannelores: an die kleine Schwester, die in Schönberg den Sand zwischen den Zehen hatte, an die siebzehnjährige Hannelore, die ihm vorgelesen hatte aus den Büchern, die er für seine Reifeprüfung lesen sollte, an die Hannelore, die im Studium, in Kiel, mit ihm in der Küche der WG am Knooper Weg gesessen hatte, denselben Knooper Weg, an dem er jetzt seine Praxis hatte, vier Häuser weiter, denn die WG war in der einundsechzig, die Praxis in der einundsiebzig, an die Sozialarbeiterin Hannelore, die bei der Beratungsstelle anfing, an Hannelore, die im Sommer 1989, eine Woche nach ihrem Examen, mit ihm bei dem Italiener am Eichhof gegessen hatte, einem Italiener, der inzwischen nicht mehr Italiener war, sondern, soweit er wußte, eine Filiale einer dänischen Backwarenkette, an Hannelore, die ihn auf der Hochzeit mit Charlotte in der Schloßkirche zu Schleswig in den Arm genommen und ihm ins Ohr gesagt hatte, er solle Charlotte gut behandeln, denn Charlotte wisse, daß sie es mit einem Bruder zu tun bekomme und nicht mit einem Mann, was Stoll damals nicht hatte verstehen wollen, was er aber, jetzt, in der zweiten Stunde dieses Wachliegens, mit einer Klarheit verstand, die er nicht ertrug, an Hannelore, die ihn in Witwerschaft am Tag nach Charlottes Auszug umarmte — Charlottes Auszug, der im Februar 1992 erfolgt war, drei Monate vor Hannelores Verschwinden, und über den er, in dreißig Jahren, mit niemandem gesprochen hatte, weil er, hätte er gesprochen, hätte sagen müssen, daß Charlotte gegangen war, weil er an einem Februarabend, in einem Zustand, an den er sich nicht erinnerte, sie geschlagen hatte, was sie ihm am nächsten Morgen mitteilte, woraufhin sie ihre Sachen packte, in einem hatte er noch nie wieder gesehen Tempo, an dem Stoll, weil er noch nie zuvor und nie wieder eine geschlagene Frau aus seiner eigenen Wohnung hatte gehen sehen, eine Berufsunklarheit erkennen mußte, die er aber, weil er ja kein eigener Proband sein konnte, nicht weiter zu klären vermochte, an Hannelore, die ihm zwei Tage später in der Küche der Wohnung im Erkergeschoß gegenübergesessen hatte, mit einem Gesicht, in dem er die Vorsicht einer älteren Schwester las, die er für Mitleid hielt, weshalb er sich von ihr abwandte und auf den Knooper Weg hinunterschaute, an dem damals noch ein Friseur war, an Hannelore, die ihm 1992 die letzte Postkarte geschrieben hatte, eine Karte mit dem Stadtwappen von Schleswig drauf, das wußte er noch, weil er die Karte aufbewahrt hatte, irgendwo, in einem Hefter ohne Beschriftung, er wußte nicht, wo, er hatte sie nie wieder gelesen, er hatte sich an die Existenz einer letzten Postkarte erinnert, ohne sich an ihren Inhalt zu erinnern, und er erinnerte sich jetzt, daß es eine letzte Postkarte gegeben hatte, weil ihre Existenz, in den dreißig Jahren seither, der einzige Beweis dafür gewesen war, daß sie noch gelebt hatte zu der Zeit, als sie verschwand, denn die Postkarte war nach ihrem Verschwinden bei ihm angekommen, also drei Tage später, also am 24. Mai, und er hatte den Stempel überprüft und der Stempel war vom 21. Mai, dem Tag ihres Verschwindens, gewesen, und er hatte sich gesagt, sie habe sie noch eingeworfen, und er hatte nichts weiter darüber gedacht und alles weiter darüber gedacht, ohne ein Ende seines Denkens zu finden, weshalb er sie aus dem Arbeitsalltag verbannt und in den Hefter ohne Beschriftung gelegt hatte, dessen Lage er sich verboten hatte zu erinnern.

Gegen vier Uhr stand er auf, ging in die Küche, machte sich nichts, denn der Hunger, von dem er, hätte er einen Probanden begutachtet, gesagt hätte, er sei in dieser Nacht physiologisch zu erwarten, blieb aus, und das Ausbleiben des Hungers, das wußte er, war kein Hinweis auf eine besonders disziplinierte Bedürfnisstruktur, sondern einer auf eine, wie er es in seinen Gutachten genannt hätte, körperliche Selbstrücknahme im Vorfeld einer als notwendig empfundenen Selbsterklärung. Er stellte sich an das Küchenfenster, das nach hinten ging, in den Hof, in dem ein einzelnes Birnenbäumchen stand, das er vor acht Jahren von Charlotte geerbt hatte, also nach ihrem Tod, weil sie es ihm in einem Brief, den er erst nach der Beerdigung bekommen hatte, vermacht hatte, zusammen mit einer kurzen Bemerkung: ich glaube, du hast nichts, was wächst. Er hatte das Bäumchen einpflanzen lassen. Er hatte es in den letzten acht Jahren wachsen sehen, ohne daß er Anteil daran gehabt hätte. Es trug seit drei Jahren Birnen. Er hatte die Birnen nicht gepflückt. Sie fielen jeden Herbst auf den Hof, und der Vermieter ließ sie einsammeln, in einer Routine, die niemand mehr hinterfragte. Stoll sah das Bäumchen jetzt, in dem grauen Aprilmorgenlicht, und er sah, daß die Knospen, eine Eigenheit, die er einem Birnbaum nicht hätte zugetraut, in dieser Stunde besonders deutlich auf den Zweigen saßen, weiß und geschlossen, in einer Form, die er, hätte er sie an einem Stellenrand seines Gutachtens auf Seite vierzehn vermerkt, als symbolisch zurückhaltend bezeichnet hätte. Er sah die Knospen, er sah Charlotte, er sah eine Charlotte am Küchentisch in Hassee, die er nie gesehen hatte, weil er die Wohnung in Hassee nur dreimal betreten hatte und ein einziges Mal in der Küche gestanden hatte, an einem Sonntag im Oktober 1992, an dem Nina ihren sechsten Geburtstag hatte und Stoll, weil er die Einladung Charlottes nicht abgelehnt hatte, zur Kaffeestunde gekommen war und dann, was er nicht hätte tun dürfen, eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er beim Anblick Ninas eine Form von Sehnsucht empfand, die er sich, mit der Härte eines Berufsmenschen, der die eigene Sehnsucht nicht kannte, untersagt hatte, die ihn aber, in jener halben Stunde, in der er Nina ein Geschenk aufmachte, an dessen Inhalt er sich heute nicht erinnern konnte, in einer Wärme festgehalten hatte, die er später, in den Dreißig Jahren, nicht mehr empfunden hatte. Er sah Charlotte, die ihm an dem Tag, beim Abschied, gesagt hatte: Hartwig, du wirst sie nicht vergessen, ich weiß, aber laß sie heute hier, sie braucht ihren Geburtstag. Er war gegangen. Er hatte Nina seither dreimal wiedergesehen.

Er stand auf, als das Licht über dem Knooper Weg grau wurde. Er ging in die Praxis hinunter. Er nahm den Hefter S 14/92 vom Schreibtisch und legte ihn in den Aktenkeller zurück, an den Platz, an dem er ihn gefunden hatte. Er ging in die Wohnung hoch. Er packte einen kleinen Koffer, ohne zu wissen, warum, und stellte ihn neben die Wohnungstür. Er ging in die Küche und kochte sich Tee, einen Friesentee, der noch von Frau Lewerenz übrig war, und er trank den Tee zu heiß und hatte dabei den Eindruck, daß er ein Glas heißen Tees zum ersten Mal seit 2003 in der Hand hielt, denn der Diakon, der ihn 2003 mit einem heißen Glas bedroht hatte, war seither so etwas wie der nichtgeschriebene Beipackzettel zu jeder Heißgetränkesituation gewesen, und Stoll trank ihn dennoch, denn er empfand den Schmerz, der entstand, als er das Glas zu früh an die Lippen führte, als eine Erlaubnis, jetzt das zu tun, was er sonst nicht getan hätte.

Er ging die Treppe hinunter, nahm den Mantel vom Haken im Flur, nahm den Koffer, ging hinaus, schloß die Tür ab, ging zu seinem Wagen, der seit drei Wochen nicht bewegt worden war, fuhr los.

III. Reepschlägerstraße

Er fuhr nach Eckernförde, weil er es ohne langes Nachdenken tat. Er nahm sich nicht die Zeit zu überlegen, warum er fuhr. Er fuhr durch die holsteinische Schweiz, ohne die Landschaft zu sehen, denn er sah nur den Hefter S 14/92 vor sich, der nicht auf dem Beifahrersitz lag, denn er hatte ihn zurückgelegt, sondern in seinem Kopf, wo er mit einer Genauigkeit zu sehen war, die er einer Akte normalerweise nicht zubilligte, und er sah neben dem Hefter einen zweiten Hefter, den B 9/96, von dem er, ohne ihn aus dem Keller geholt zu haben, in diesem Augenblick wußte, daß er ihn auch lesen würde, sobald er zurück in Kiel wäre, und er sah hinter dem zweiten einen dritten, P 23/08, den er schon, ehe er ihn las, kannte, denn er hatte ihn ja geschrieben, wenn auch ohne Erinnerung an das Schreiben.

Er fuhr durch Bordesholm, ohne Bordesholm zu sehen, durch Ostholstein, ohne Ostholstein zu sehen, an einem Bahnübergang hielt er, an dem niemand wartete und keine Schranken sich senkten, weshalb er vermutete, daß er, ohne zu erkennen warum, gehalten hatte, und dann fuhr er weiter. In Plön, an dem großen See, hielt er einen Augenblick auf einer Anhöhe, von der er, mit Charlotte, in ihrer kurzen Brautzeit, einmal heruntergeschaut hatte, an einem Mai, den er nun nicht mehr genau zuordnen konnte, weil er, was er, das stellte er fest, sein Leben lang vermieden hatte, alle Mais seines Lebens als denselben Mai zu lesen pflegte, also als einen einzigen langgezogenen Mai, der von Hannelores Geburt 1967 bis zu Hannelores Verschwinden 1992 sich gespannt habe und seither in einer Art unfertigen Form weiter existiere, ein Mai, der sich nicht entscheiden könne, ob er ein Mai sei oder eine andere Jahreszeit. Er sah den See an. Er sah, am Westufer, einen Schwimmer, einen Mann, der einen rotorangenen Schwimmboje hinter sich her zog, eine Boje, wie sie Schwimmer im offenen Wasser zur eigenen Sicherheit benutzen, und er sah, wie der Schwimmer langsam, sehr langsam, mit gleichmäßigen Zügen weiterschwamm, und er hatte einen Augenblick lang den Wunsch, diesen Schwimmer zu kennen, ihn anzurufen, ihm zu sagen, er, Stoll, wisse jetzt etwas, das ihm, Stoll, unangemessen schwer falle und das er einem Schwimmer auf dem Plöner See gerne anvertraut hätte, eine Form von Anvertrauen ohne Empfänger, die er, in seinen Gutachten, oft als Hinweis auf eine fortgeschrittene seelische Vereinsamung gewertet hatte. Er fuhr weiter. In Eckernförde fragte er an einer Tankstelle nach dem Weg zur Reepschlägerstraße und bekam Auskunft. Er parkte vor der Hausnummer dreißig, in einer Reihe von Klinkerhäusern aus den fünfziger Jahren, die alle gleich aussahen außer der dreißig, an deren Vorgarten ein Rosenstock stand, der bereits Knospen hatte, was Anfang April ungewöhnlich war.

Buschhardt war Lehrer gewesen, Mathematik und Physik an einem Gymnasium in Rendsburg, und er hatte 1996 eine seiner Schülerinnen, eine vierzehnjährige, in einem Geräteschuppen am Stadtrand getötet. Er hatte im Verfahren geschwiegen. Stoll hatte das Gutachten geschrieben. Buschhardt war zu lebenslang verurteilt worden, hatte dreiundzwanzig Jahre verbüßt und war seit fünf Jahren auf Bewährung in Eckernförde, wo er allein in dem Haus seiner verstorbenen Mutter lebte, das er vor Jahrzehnten geerbt hatte und das aussah wie eine Postkarte aus den siebziger Jahren, die nie abgeschickt worden war. Stoll hatte ihn in den fünf Jahren nicht aufgesucht, denn er suchte seine alten Probanden grundsätzlich nicht auf, das war eine Regel, die er sich vor langer Zeit gegeben hatte, denn der Kontakt zu einem alten Probanden, hatte er einmal in einem methodologischen Aufsatz für das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt geschrieben, gefährde die Trennung der zwei Räume, die für die Berufsausübung des forensischen Psychiaters zwingend voneinander geschieden sein müßten, des Raumes der professionellen Erinnerung und des Raumes des persönlichen Lebens, und daß diese Trennung gefährdet werde, hatte er dort ergänzt, sei nicht nur für den Gutachter eine Last, sondern in erster Linie für den ehemaligen Probanden, dem nichts so sehr schade wie ein Gutachter, der ihn auch noch nach Jahrzehnten als Akte besuche.

Er klingelte. Buschhardt öffnete im Hausanzug, einem grauen, gestrickten, an dessen rechter Tasche ein Loch war, das nicht gestopft worden war, weil, so vermutete Stoll auf der Stelle, Buschhardts Mutter, die das Loch mutmaßlich gestrickt hatte, ohne es zu wollen, das einzige denkbare Subjekt einer Stopfung gewesen wäre und seit zweiundzwanzig Jahren in Wuhrkamp begraben lag.

Buschhardt sagte: Herr Doktor Stoll. Ich habe Sie erwartet.

Stoll sagte: warum.

Buschhardt sagte: weil Sie heute oder morgen kommen würden, denn er muß in Kiel gewesen sein. Sie kommen ja immer dann, wenn er in Kiel war, nicht wahr.

Stoll fragte nicht, wer er sei, denn er wußte es. Er ging hinein. Im Flur hing eine Pendeluhr, die sich nicht mehr bewegte, denn das Pendel hing schief, und auf der Garderobe lag eine Wollmütze, die Stoll an etwas erinnerte, an das er sich nicht erinnern wollte.

Buschhardt führte ihn die schmale Diele entlang, in der die Garderobe, eine Garderobe aus den frühen siebziger Jahren mit Messingstangen und einem Spiegel, der zu hoch hing für jemanden unter ein Meter siebzig, an Hannelores Garderobe in der WG am Knooper Weg erinnerte, was Stoll als Schwindel verbuchte, denn die WG-Garderobe war eine andere gewesen, eine aus dunklem Holz, das hatte er, von einer ihm unbekannten Stelle in seinem Gedächtnis, plötzlich vor sich, und er erschrak, daß die Stelle in ihm sich öffnete, ohne daß er sie geöffnet hätte. Buschhardt setzte ihm einen Tee vor, den er nicht trinken konnte, weil er heiß war und Stoll heiße Getränke vermied, seit ein Patient, ein dissoziativ verwirrter Diakon, ihm 2003 ein heißes Glas an den Hals gehalten hatte, ohne es so zu meinen. Sie saßen in einer Stube, in der die Mutter Buschhardts vor vielen Jahren gestrickt haben mußte, denn alle Möbel hatten Decken, und an den Wänden hingen, in einer Reihung, die einem System folgte, das nur die Mutter Buschhardts gekannt hatte, gerahmte Sinnsprüche, deren Schrift verblaßt war und deren Inhalt Stoll nicht entzifferte, weil er sich an die Worte nicht herantraute, die ein Leben lang in einem Haus gehangen hatten, in dem ein Sohn lebte, der einen Mord nicht begangen hatte und dafür dreiundzwanzig Jahre saß.

Buschhardt sagte: Sie wollen wissen, ob ich es gewußt habe.

Stoll sagte: ja.

Buschhardt sagte: ich habe es gewußt. Ich habe es immer gewußt. Aber ich habe geschwiegen, denn wenn ich gesprochen hätte, hätten Sie nicht mehr sprechen können, und die Welt braucht Sie als einen Sprechenden, denn wenn Sie nicht mehr sprächen, wer würde dann das Schweigen der anderen übersetzen.

Stoll sagte: Sie haben den Mord an Ihrer Schülerin nicht begangen.

Buschhardt sagte: nein.

Stoll sagte: wer hat ihn begangen.

Buschhardt sagte: das wissen Sie. Sie waren damals in Rendsburg. Im November. Wegen einer Tagung, glaube ich, in der Hermann-Tast-Schule, etwas über jugendliche Delinquenz, ich weiß es nicht mehr genau, aber Sie waren dort. Ich war zu jener Zeit der Klassenlehrer der Klasse, in der das Mädchen war. Sie hieß Mareike, das wollten Sie nicht in Ihrem Gutachten haben, denn Sie haben darauf bestanden, daß sie nur als „die Geschädigte” geführt werde, und ich habe damals, als ich es las, gedacht, wie demütig das war, ein Beschuldigter, der, indem er seinen Probanden anschweigt, dem Probanden noch die Höflichkeit erweist, das Opfer beim Namen zu nennen — und ich Esel habe nicht erkannt, wer der Beschuldigte war. Ich habe ihn erst später erkannt. Sie kennen den Augenblick, in dem das Erkennen kommt, einen Augenblick spät. Ich weiß nicht, was Sie und sie miteinander zu tun hatten, ich habe sie nie zusammen gesehen, ich habe Sie nicht einmal in der Schule gesehen, denn die Tagung war in einem anderen Trakt. Aber an dem Abend, an dem Mareike verschwand, habe ich Sie in der Stadt gesehen, in der Nähe des Schuppens, am Eingang zum Bahndamm, der dort hinter dem Schuppen entlanggeht, ich war im Auto, ich kam von einer Vertretung, ich habe Sie gesehen, weil eine Straßenlaterne Ihnen ins Gesicht schien, eine kleine grüne Laterne, eine alte, die später ausgetauscht wurde, sehen Sie, ich erinnere mich an die Laterne, das ist eine merkwürdige Sache, ich erinnere mich an die Laterne genauer als an Sie, vielleicht weil ich Sie nicht kannte und die Laterne kannte, aber ich habe Sie gesehen, und ich habe nichts gesagt, denn als die Polizei kam, hatten sie bereits beschlossen, daß ich es war, denn meine DNS war im Schuppen, weil ich den Schuppen oft betreten hatte, der Schuppen gehörte der Schule und ich war dort der Sportlehrer-Vertreter, und ich habe nicht widersprochen, denn ich hatte beschlossen, nicht zu widersprechen.

Es war eine Frage des Anstands, Herr Doktor Stoll. Eine Frage des Anstands gegenüber meiner Mutter, die das nicht überlebt hätte, wenn herausgekommen wäre, daß ihr Sohn nicht den Mord begangen hat, an dem sie ihr Leben lang festhalten mußte, um das Schweigen zu rechtfertigen, das sie selbst ein Leben lang über ihren eigenen Mann bewahrt hatte, der noch ganz andere Dinge getan hatte als das, was Sie meinem Mädchen angetan haben.

Es war eine Frage des Anstands gegenüber Ihnen. Denn ich wußte, daß Sie sich nicht erinnerten. Ich wußte, daß Sie weiterleben würden, ohne zu wissen, was Sie getan hatten. Und ich wußte, daß Sie weiter Gutachten schreiben würden, ein Leben lang, und daß diese Gutachten Sie, ohne daß Sie es wußten, freisprechen würden, indem sie andere verurteilten, denn jedes Gutachten, das Sie schrieben, machte aus Ihrer eigenen Tat das Bild einer fremden Tat, und das Bild einer fremden Tat ist die einzige Form, in der ein Mensch wie Sie weiterleben kann.

Es war auch eine Frage des Anstands gegenüber Mareike. Denn Mareike, das wußten Sie nicht, war ein Kind, das schon zu Lebzeiten beschlossen hatte, daß die Welt, in der sie lebte, nicht eine Welt sei, der man die Wahrheit schulde. Mareike hat einen Bruder gehabt, der elf war, als sie starb, einen Bruder, der ein Stotterer war und an dem die Eltern alles taten, was sie konnten, und wenn ich, Buschhardt, in dem Verfahren gesprochen hätte, dann hätte ich diesen elfjährigen Bruder, der ein Stotterer war, in eine Welt gestellt, in der nicht ein freundlicher Lehrer der Mörder war, ein Lehrer, den seine Schwester gemocht hatte und gegen den sie sich nicht hätte zur Wehr setzen können, sondern ein Mann aus Kiel, ein Mann, der nichts mit der Familie zu tun hatte, ein Mann, an den der Bruder ein Leben lang nicht mehr hätte heran kommen können. Hätte ich also gesprochen, ich hätte den Bruder mit einer Schuld aufgeladen, die nicht seine war, denn die Schuld, die er sich, mein Schweigen vorausgesetzt, gab, war eine, die er an seinem Lehrer, also an mir, abarbeiten konnte. So hat er es getan. So hat er, glaube ich, fertig werden können.

Stoll sagte: warum sagen Sie es jetzt.

Buschhardt sagte: weil Sobczak gesprochen hat. Wenn einer spricht, müssen die anderen sprechen. Es ist eine Vereinbarung gewesen. Eine stillschweigende. Sie wissen, was eine stillschweigende Vereinbarung ist. Sie haben in Ihren Gutachten oft davon gesprochen.

Stoll trank den Tee. Er war nicht mehr heiß, denn er hatte zu lange nicht getrunken. Er sah Buschhardt an, der am Fenster stand, und er sah, wie Buschhardt aussah wie ein alter Mann aussehen kann, wenn er dreiundzwanzig Jahre lang in einer Position gelebt hat, in der die Bewegung des Körpers reduziert ist auf das, was in einer Zelle möglich ist, und er sah, wie Buschhardt zum Rosenstock im Vorgarten hinaussah, und er hörte, in dem Klang, in dem Buschhardt jetzt schwieg, daß diesen Mann seit dreiundzwanzig Jahren niemand mehr gefragt hatte.

Buschhardt sagte, ohne sich umzudrehen: meine Mutter ist 2002 gestorben, ich war im sechsten Jahr. Sie ist gestorben, ohne mich noch einmal besucht zu haben, denn sie hat von Anfang an gesagt, sie könne mich nicht besuchen, weil sie sich, hätte sie mich besucht, hätte gefragt, ob ich es war, und das wollte sie sich nicht fragen, denn sie wußte ja die Antwort, und die Antwort war, daß ich es nicht war, und dann hätte sie reden müssen, und sie hat sich entschieden, nicht zu reden. Sie hat mir geschrieben, jede Woche, sechs Jahre lang, einen Brief, in dem nichts stand außer dem Wetter, dem Stand des Rosenstocks und einer kurzen Erwähnung des Pfarrers, der sie besucht habe. Manche Briefe waren acht Zeilen lang, andere zwei Seiten, je nachdem, ob der Pfarrer länger geblieben war oder kürzer. Ich habe alle Briefe aufgehoben. Sie liegen in dem oberen Fach des Schranks, der hier hinter Ihnen steht. Wenn Sie wollen, können Sie sie sich nehmen, ich brauche sie nicht mehr, denn ich habe sie auswendig, jedes Wort, ich kann Sie Ihnen aufsagen, wenn Sie wollen, jeden Brief, in der Reihenfolge, in der er gekommen ist, und ich glaube, ich kann auch die Briefe aufsagen, die zwischen den geschriebenen Briefen lägen, wenn meine Mutter zwischen den Briefen geschrieben hätte, was sie nicht hat, weil sie eine sparsame Frau war. Diese Briefe haben mich, in der Form, die mir noch erlaubt war, am Leben gehalten. Sie haben mich nicht gerettet. Sie haben mich nicht freigesprochen. Aber sie haben mich gefunden, jede Woche einmal, an einer Stelle, an der eine andere Möglichkeit von mir existierte, also dort, wo meine Mutter mich vermutete, in einem Haus, in dem ich nicht war, in einer Lebensform, die nicht stattgefunden hatte. Wissen Sie, wovon ich spreche, Herr Doktor Stoll. Ich glaube, Sie wissen es. Sie haben in Ihrem Beruf vielen Schweigern Briefe weitergegeben, deren Empfänger sie waren und deren Empfänger sie nicht waren. Sie haben den Empfängernamen verfaßt, ich nicht. Aber wir haben die Briefe beide bekommen.

Stoll wußte nicht, was er sagen sollte. Er sah, daß ein Vogel, ein Buchfink vermutlich, auf den Rosenstock geflogen war und auf den Knospen herumhüpfte, ohne sie zu beschädigen, und er sah, wie Buschhardt den Vogel sah, ohne sich zu wundern, und er erkannte, daß ein Mann, der an einem solchen Rosenstock dreiundzwanzig Jahre nicht gelebt hatte, jetzt einen Buchfinken sehen konnte, und das eine Form des Sehens war, von der er, Stoll, ausgeschlossen war.

Stoll sagte: gibt es noch andere.

Buschhardt sagte: einen, soviel ich weiß. Petrie. Lübeck. Er sitzt noch.

Sie schwiegen eine Weile. Buschhardt sagte: ich werde Sie jetzt nicht hinausbegleiten. Es würde uns beide nicht entlasten. Stoll nickte. Stand auf. Auf dem Weg zur Tür sah er, weil er es nicht vermeiden konnte, in den Spiegel der Garderobe, in dem ein einundsechzigjähriger Mann mit einem Mantel, den er nicht abgenommen hatte, ihm entgegensah, mit einem Gesicht, in dem die Augen nicht mehr derselbe Mann waren wie der Mund.

Stoll, der schon aufgestanden war und auf die Diele zugegangen war, drehte sich noch einmal um. Er sagte: darf ich die Briefe sehen, Herr Buschhardt. Buschhardt sah ihn an. Er schien einen Augenblick zu zögern, dann sagte er: ja. Er ging zu dem Schrank, dem hinter Stoll, öffnete das obere Fach, holte einen Pappkarton heraus, der mit einem Bindfaden zugeschnürt war, einem Bindfaden, der schon einmal aufgemacht und wieder zugezogen worden sein mußte, denn er war an mehreren Stellen ausgefranst, und Buschhardt setzte den Karton auf den Tisch, löste den Bindfaden, klappte den Karton auf. Die Briefe lagen darin, in zwei Stapeln, der größere mit den geöffneten Briefen, der kleinere mit den ungeöffneten, was Stoll überraschte. Buschhardt sah seinen Blick und sagte: ich habe sie nicht alle geöffnet. In den letzten Jahren ihres Lebens habe ich sie nicht mehr geöffnet, denn ich wußte ja, was darin stand, und ich konnte das nicht mehr lesen. Stoll nahm einen aus dem oberen Stapel, einen geöffneten, las ihn, einen Brief vom 7. März 1999, in dem Buschhardts Mutter mitteilte, der Pfarrer sei Mittwochnachmittag gekommen und habe dreieinhalb Stunden geblieben, sie hätten über das Tauwetter gesprochen und über die Frage, ob das Apfelbäumchen am Zaun gerettet werden könne, was der Pfarrer für möglich gehalten habe, und der Pfarrer habe schließlich zwei Stück Streuselkuchen genommen, was bei ihm, dem Pfarrer, zwei Stück eine größere Bestätigung sei als bei einem anderen Menschen vier; sie wünsche ihm, ihrem Sohn, einen ruhigen März, den Rosenstock werde sie demnächst zurückschneiden, und sie sei, wie immer, in Liebe und im Vertrauen seine Mutter.

Stoll legte den Brief zurück. Er sagte: ich danke Ihnen. Buschhardt nickte. Stoll sagte: Herr Buschhardt, ich werde nicht wiederkommen. Buschhardt sagte: das nehme ich an. Er begleitete ihn dennoch zur Tür, was er angekündigt hatte nicht zu tun, eine kleine Inkonsequenz, die Stoll, hätte er einen Probanden begutachtet, als die einzige menschliche Geste der gesamten Begutachtung verbucht hätte und die er, an Buschhardt selbst, mit einer Schamhaftigkeit annahm, die er, wie er sich auf der Schwelle sagte, in dreißig Jahren nicht oft empfunden hatte und die er als Hinweis darauf wertete, daß er, Stoll, jetzt kein Sachverständiger mehr war, sondern, das war die genauere Beschreibung, ein Mann, der sich an den Begriff Sachverständiger nur noch als an einen alten Beruf erinnerte, den er einmal ausgeübt habe.

Im Auto, draußen, kurbelte er die Scheibe herunter und sah, wie die Knospe an einem der Zweige des Rosenstocks im Vorgarten geöffnet hatte, in den letzten Minuten, was ihm, als hätte er einen Augenzeugen gefragt, einen Augenzeugen, den es nicht gab, glaubhaft schien.

IV. Holstentor

Er fuhr nicht direkt nach Lübeck, sondern hielt zwischendurch an einer Raststätte, von der er nichts mitbekam, außer daß er sich übergab und das Übergeben für eine Tatsache hielt, die jemand anderem geschah. An der Raststätte, in einem hellgrau gefliesten Vorraum, stand ein Mann an einem Waschbecken neben ihm, ein Mann von vielleicht fünfzig Jahren, in einem grauen Anzug, der sich die Hände wusch, sehr lange, und der Stoll, ohne den Kopf zu heben, in den Spiegel über dem Waschbecken hinein ansah und sagte: alles in Ordnung. Stoll sagte: ja, danke. Der Mann sagte: das war keine Frage. Stoll sah ihn an. Der Mann trocknete sich die Hände, langsam, an einem Papierhandtuch, das er aus dem Spender zog, und er warf das Handtuch in den dafür vorgesehenen Behälter, und er sagte, ohne Stoll anzusehen: man muß nicht fragen, was man sieht. Er ging hinaus. Stoll wußte nicht, ob der Mann ein Hellseher gewesen war oder ein Pfarrer oder ein gewöhnlicher Mann, der einen anderen, der sich übergibt, mit einer Form von Höflichkeit ansieht, die in dieser Republik selten geworden sei, oder ob er, Stoll, in einem Zustand, der einer Begutachtung bedurft hätte, sich diesen Mann ausgedacht hatte, was er für möglich hielt, weil er die Stimme des Mannes nachher nicht mehr genau wußte und das Gesicht nicht und den Anzug nur als grau, was, hatte er einmal in einem Gutachten festgehalten, die geringste Detailtreue sei, die ein Berufsmensch einer realen Begegnung zubilligen dürfe. Er fuhr weiter. Er fuhr weiter. Auf der A1, kurz vor Bad Oldesloe, mußte er anhalten, weil das Lenkrad, oder vielmehr seine eigenen Hände am Lenkrad, ihm nicht mehr gehörten, was er, weil er die Symptomatik aus zahlreichen Begutachtungen kannte, sofort als beginnende dissoziative Reaktion auf eine kognitive Überforderung diagnostizieren konnte und woraufhin er, in der Ausnahmesituation eines Selbstgutachtens unter Fahrtbedingungen, sich ein Beruhigungswort auferlegte, das er in seiner Praxis verwendete, wenn ein Proband zu kippen drohte, ein Wort, das er aus dem Lateinischen genommen hatte, ohne zu wissen, warum, und das er sich jetzt mehrfach laut vorsprach, im Wagen, mit geschlossenen Augen und offenem Fenster: tene, tene, tene, halte, halte, halte. Es half. Er fuhr weiter.

In dem Wartezimmer der JVA Lübeck-Lauerhof saß er, weil er trotz Sachverständigenausweis eine Viertelstunde warten mußte, neben einer Frau, die einen Korb auf dem Schoß hielt, in dem ein Geschenk lag, ein in Geschenkpapier gewickeltes Buch oder etwas Buchähnliches, und die ihn unverhohlen ansah, mit einer Aufmerksamkeit, die er, weil er sie nicht erwiderte, als die Aufmerksamkeit einer Frau verbuchte, die sich in einem Wartezimmer der JVA Lübeck eine Aufgabe sucht und ihn als die nächstliegende Aufgabe erkannt hatte. Sie sagte, in dem Tonfall einer Frau, die seit langem niemanden gesprochen hatte, der ihr antwortete: Sie sind nicht oft hier. Stoll sagte: nein. Sie sagte: ich bin oft hier. Mein Mann ist hier. Mein Sohn ist hier. Mein Schwager war hier. Wenn alle drei zusammen draußen sind, kommt mein Vater hierher. Es ist eine Eigenheit unserer Familie. Wir nehmen den Vollzug nicht persönlich. Stoll sagte nichts. Sie sagte: Sie nehmen den Vollzug persönlich. Das sehe ich. Sie haben ein Gesicht, in dem ein Vollzug schon stattfindet, ohne daß Sie hineingegangen sind. Sie sollten nach Hause gehen. Es ist nicht zu spät. Stoll sagte: doch. Sie sagte: ja. Vielleicht doch. Sie nahm den Korb fester an sich und sah zur Tür, denn ihr Name wurde gerufen. Sie stand auf, ging vorbei. Im Vorbeigehen sagte sie: für Sie ist es nicht das letzte Mal hier, glaube ich. Stoll sah ihr nach.

In der JVA Lübeck-Lauerhof wurde er ohne Termin empfangen, denn er hatte einen Ausweis, der ihn als forensischen Psychiater auswies, und niemand prüfte das Datum. Der Beamte, der ihn ankündigte, sah ihn an, als kenne er ihn, sagte aber nichts; in einem Hinweis, den Stoll im Vorbeigehen sah, wurde darauf aufmerksam gemacht, daß der besuchte Inhaftierte einen Ausweis und einen Personalbogen vor Beginn des Gesprächs zur Einsicht vorlegen müsse, was, hatte Stoll noch in Erinnerung, in der Lübecker Anstalt seit den achtziger Jahren eine Eigenheit war, die mit einem alten Vorfall zu tun hatte, an den er sich nicht erinnern wollte. Er saß im Besucherraum, ein Tisch, zwei Stühle, eine Glaswand, hinter der Petrie einen Stuhl heranzog, den Hörer abnahm.

Petrie war Mechaniker gewesen, eine Werkstatt im Lübecker Hafen, und er war 2008 zu lebenslang verurteilt worden wegen Mordes an einer Frau, die in einem Container gefunden worden war, eine Frau, die niemand kannte, jedenfalls niemand, der sich in den ersten Wochen meldete. Stoll hatte das Gutachten geschrieben. Petrie hatte geschwiegen. Es waren bis heute siebzehn Jahre gewesen. Petrie war jetzt zweiundsechzig, hatte das gerundete Gesicht eines Mannes, der gut gegessen hatte im Vollzug, was eine Seltenheit war, und sah wie jemand aus, dem es wichtig war, seine Brille noch immer in der Brusttasche tragen zu können.

Petrie sagte ins Telefon: Sie sehen schlecht aus.

Stoll sagte: ich habe gehört.

Petrie sagte: Buschhardt?

Stoll sagte: ja.

Petrie sagte: gut. Es ist einmal Zeit. Wissen Sie, ich wollte Ihnen schreiben, viele Male. Aber dann hätte ich gelogen, denn ich hätte es ja schreiben müssen, daß Sie es waren, und das wäre keine Lüge gewesen, aber ich hätte gelogen, wenn ich es schreibe, denn ich habe ja beschlossen, es nicht zu sagen. Es geht nicht um die Wahrheit, Herr Doktor Stoll. Es geht um Vereinbarungen. Sie haben es ja in Ihrer Sache nie gesagt, also habe ich es in meiner Sache auch nicht gesagt. Wir waren auf gewissermaßen verbundene Schweiger. Wenn der eine spricht, spricht der andere. Aber jetzt ist Sobczak draußen und hat es nicht ausgehalten. Er hat es ja am längsten ausgehalten, das muß man ihm zugutehalten. Achtundzwanzig Jahre. Wenn Sie wüßten, wie schwer es ist, achtundzwanzig Jahre über einen Mann zu schweigen, den man nicht kennt und den man kennen wird, wenn der Mann, das wußte er, einen Hinweis gibt, ohne den man in einem Wahnsinn geendet wäre, weil man sich seine Nicht-Tat hätte einreden müssen — Sobczak hat das nicht gekonnt, er hat unsere Form erfunden und hat die Form selbst nicht ausgehalten, das ist nicht ehrenrührig, das ist menschlich, ich verzeihe es ihm, er ist ein Pole, er kommt aus einer anderen Tradition des Schweigens, eine ältere, die sich in achtundzwanzig deutschen Jahren langsam abgenutzt hat.

Stoll sagte: wer war die Frau im Container.

Petrie sagte: das wissen Sie. Es war Karin. Erinnern Sie sich an Karin. Sie war Sozialarbeiterin gewesen, sie war Ihnen begegnet bei einem Gerichtstermin, sie hatte Sie wiedererkannt. Sie hatte bei Ihrer Schwester gearbeitet, viele Jahre vorher. Sie hatte Sie wiedererkannt am Tatort, denn sie war damals dort gewesen, also 1992, im Mai, in der Düppelstraße, sie war kurz vor Hannelore an dem Abend in der Beratungsstelle gewesen. Sie hatte Sie am Eingang gesehen. Sie hatte Sie nicht gegrüßt, weil Hannelore nicht erwähnt hatte, daß ein Bruder kommen würde, und Karin war diskret. Sie ging weg. Eine Stunde später war Hannelore tot. Karin hat es nicht gewußt, daß Hannelore tot war, sondern erst, als sie in der Zeitung las, daß im Hinterhof eine Tote gefunden worden war, eine angeblich Unbekannte. Karin war überzeugt, daß die Tote Hannelore sein müsse, denn sie war ja gerade am Eingang vorher dort gewesen, aber als sie nachgehört hat, sagte man ihr, die Tote sei eindeutig nicht Hannelore, das habe der Bruder bestätigt, der die Identifizierung vorgenommen habe. Sie hat dem Bruder, also Ihnen, geglaubt. Sechzehn Jahre lang. Sie hat dann, 2008, im Februar, bei einem Gerichtstermin, an dem sie wegen einer Klientin teilnahm, Sie auf dem Flur gesehen. Sie hat Sie wiedererkannt. Sie hat sich eine Woche lang nicht gemeldet, dann hat sie meiner Frau, die sie kannte, weil sie in einer Frauenberatung Frauen aus dem Hafenmilieu betreute und meine Frau in dem Milieu gearbeitet hatte, gesagt, sie müsse jemanden befragen. Sie hat die Frage nicht ausgesprochen. Aber meine Frau hat den Namen Stoll fallen lassen. Sie haben das nie erfahren, aber meine Frau hat schon damals den Namen Stoll gekannt, sie hat einmal eine Akte von Ihnen über mich gelesen, in einem Entlassungsverfahren, in einem anderen, längst vergessenen Vorgang. Karin ist daraufhin sehr unruhig geworden. Sie kam zu mir, in den Hafen, als wenn ich der einzige wäre, der wisse, was zu tun sei. Ich war nicht der einzige. Aber ich war der nächste. Sie sagte: ich glaube, ich weiß etwas. Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf. Sie ist abends zu Ihnen gefahren, Herr Doktor Stoll. Sie ist zu Ihnen gefahren. Sie hat geklingelt. Ich saß im Hafen. Ich habe nicht gewußt, daß sie geht. Sie war einundzwanzig Jahre alt, als Sie sie bei Hannelore zum ersten Mal gesehen haben, und sie war siebenunddreißig, als sie zum zweiten Mal vor Ihrer Tür stand. Ich habe Sie nicht gesehen, Herr Doktor Stoll, ich war im Hafenbecken nebenan und habe ein Boot vertäut. Aber ich habe Sie hineinlaufen sehen, und ich habe sie hereinlaufen sehen, und ich habe Sie wieder hinauslaufen sehen, und ich habe sie nicht hinauslaufen sehen.

Stoll sagte: ich habe sie nicht zu Hause empfangen.

Petrie sagte: nein. Sie haben sie an einem anderen Ort empfangen. In der Werkstatt. Ich vermute, weil Sie wußten, daß ich Werkstattbesitzer war und daß meine DNS dort sein würde. Sie haben sie zur Werkstatt geführt, ich weiß nicht wie. Vielleicht haben Sie ihr gesagt, dort ständen Sachen aus dem Nachlaß Ihrer Schwester, die Sie ihr zeigen wollten, ich weiß es nicht. Drei Tage später kam die Polizei. Ich war einer von vier Männern, die in der Werkstatt arbeiteten, und meine DNS war im Container, weil ich ihn am Tag davor abgeladen hatte. Ich hätte etwas sagen können. Ich habe geschwiegen. Sie hatten meine Frau. Sie hatten mein Leben in Ihrer Hand. Wenn ich gesprochen hätte, hätten Sie mich nicht zerstört, denn dazu hätten Sie sich erinnern müssen, und Sie konnten sich ja nicht erinnern. Aber Sie hätten mich nicht beschützt. Niemand hat mich beschützt. Niemand schützt einen, der spricht. Ich habe geschwiegen, weil ich gesehen habe, was Sie aus dem ersten Schweigenden gemacht haben. Sobczak. Sobczak hat es ja vorgemacht. Sobczak hat die Form erfunden. Wir haben sie übernommen.

Stoll sagte: Hannelore.

Petrie sagte: das war 1992. Das wissen Sie. Aber Karin hatte Sie damals an dem Abend gesehen, an dem Sie Hannelore besucht haben. Karin war in die Beratungsstelle gekommen, kurz bevor Sie kamen, und sie war wieder gegangen. Aber sie hatte Sie am Eingang gesehen. Sechzehn Jahre später erkennt sie Sie auf dem Flur eines Gerichts wieder, wo Sie zu einem anderen Verfahren erscheinen. Sie sieht Sie an. Sie wird unruhig. Eine Woche später ist sie tot. Ich saß im Hafen.

Stoll sagte: warum sagen Sie das alles.

Petrie sagte: damit Sie ein letztes Gutachten schreiben.

Stoll legte den Hörer einen Augenblick lang ab, denn er wußte nicht, ob er ihn weiter halten konnte. Er sah Petrie an, der ihn ansah. Petrie wirkte nicht zornig. Petrie wirkte erleichtert. Petrie wirkte, dachte Stoll, wie ein Mann, der einen langen Atem ausatmet, den er siebzehn Jahre gehalten hatte, und der dabei wußte, daß auf das Ausatmen ein Einatmen folgen mußte, von dem er nicht sicher war, daß er es erleben würde.

Stoll nahm den Hörer wieder auf. Er sagte: gibt es weitere.

Petrie sagte: ich weiß von vier weiteren. Ich weiß die Aktenzeichen nicht, ich weiß nur die Vornamen. Manfred. Karl-Heinz. Reinhold. Volker. Sie wissen die Aktenzeichen.

Stoll sagte: M 11/99. K 4/03. R 17/06. V 2/12.

Petrie sagte: dann wissen Sie alles.

Stoll sagte: warum haben sie geschwiegen.

Petrie sagte: weil sie keinen besseren Grund kannten als wir. Weil es eine Würde gibt im Schweigen, die ein Sprechen niemals erreicht. Weil sie alle, jeder von ihnen, sich gesagt haben, was Buschhardt sich gesagt hat und was ich mir gesagt habe: Schweigen ist die einzige Form von Wahrheit, die ein Mensch wie wir einem Mann wie Sie schenken konnte. Wir haben Ihnen Wahrheit geschenkt, Herr Doktor Stoll. Wir haben sie Ihnen jeden Tag geschenkt, dreißig Jahre lang. Sie haben es nur nicht gesehen.

Wissen Sie, sagte Petrie, hier in der Anstalt gibt es eine Bibliothek. Ich habe in den siebzehn Jahren mehr gelesen als in dem ganzen restlichen Leben davor. Ich habe Bücher gelesen, von denen ich nicht wußte, daß es sie gab. Ich habe einen alten Polen gelesen, einen Schriftsteller namens Schulz, der in Drohobycz erschossen wurde 1942, dessen Bücher in einem schmalen Band hier in der Bibliothek standen, ich habe nicht gewußt, daß ich Bücher dieser Art je würde lesen können, aber ich habe sie gelesen, mehrmals, und ich habe in diesem Schulz an einer Stelle gefunden, daß ein Vater seinen Sohn in einer Falte der Tapete versteckt habe, weil er, der Vater, im Begriff sei, sich in eine Krabbe zu verwandeln und nicht wolle, daß der Sohn sehe, was er, der Vater, im Verwandeln sei. Wissen Sie, Herr Doktor Stoll, das ist genau, was ich getan habe. Ich habe mich in einer Falte einer Akte versteckt, der Akte, die Sie über mich geschrieben haben, einer Falte, die ich selbst nicht entworfen, aber bewohnt habe, siebzehn Jahre lang, und in der ich, soweit ich es beurteilen kann, eine bessere Person geworden bin, als ich es draußen je gewesen wäre. Sobczak war derselben Meinung, ich weiß es, denn wir haben uns in der Hofstunde 2002 einmal gesprochen, ein einziges Mal, ich habe ihm gesagt: Włodzimierz, du mußt das aushalten, und er hat genickt. Es war kein Wort. Es war ein Nicken. Es hat genügt. Wir wußten, wir saßen auf einer Akte. Wir wußten, der, der die Akte geschrieben hat, kennt sich nicht. Wir wußten, der, der die Akte geschrieben hat, kommt eines Tages und fragt. Ich habe siebzehn Jahre auf den Tag gewartet, an dem Sie kommen würden. Sie sind heute gekommen. Es ist gut.

Stoll sagte, sehr leise: Herr Petrie, das, was Sie sagen, ist nicht zu ertragen.

Petrie sagte: das verstehe ich. Aber ich bin nicht der, der nicht zu ertragen ist. Ich bin der, der ertragen hat.

Stoll sagte: ich danke Ihnen.

Petrie sagte: bedanken Sie sich nicht. Schreiben Sie das Gutachten.

Stoll legte den Hörer auf. Petrie blieb sitzen, sah ihn durch die Glaswand an, hob die Hand und legte sie an die Glaswand, sehr leicht, wie eine Geste, die er, vermutete Stoll, irgendwann in den letzten siebzehn Jahren bei einem anderen Besuch gesehen hatte und die er als den einzigen körperlichen Kontakt erlernt hatte, der zwischen einem Mann hinter einer Glaswand und einem Mann vor einer Glaswand möglich war. Stoll hob die Hand nicht. Er stand auf. Er ging hinaus.

Auf dem Vorhof der JVA stand er im Aprillicht, das jetzt schräger fiel, denn es war später Nachmittag, und er sah, durch eine Lücke zwischen zwei Trakten, in der Ferne das Holstentor, von dem er erst jetzt erkannte, daß es das Holstentor war, das er sein Leben lang in dem Hollenberg-Holzschnitt nicht erkannt hatte, und er begriff, in einem für ihn ungewöhnlichen Augenblick der Bildhaftigkeit, daß ein Mann in seiner Lage einen Holzschnitt jahrzehntelang an seiner Praxiswand hängen haben konnte, ohne zu erkennen, daß auf ihm das Tor zu der Stadt zu sehen war, in der seine Schweiger einsaßen.

V. Westliche Förde

Er fuhr nicht zurück nach Kiel. Er fuhr nicht direkt zurück nach Kiel, denn als er auf der A1 in nordwestlicher Richtung fuhr und zu der Abzweigung auf die A21 gekommen war, an der er, hätte er nach Kiel zurückgewollt, hätte abbiegen müssen, fuhr er nicht ab, sondern weiter, in einer Bewegung, von der er, hätte er sich begutachtet, gesagt hätte, sie sei eine somnambule Eigenwilligkeit der unteren Extremitäten, also eine Form, in der die Beine, jedenfalls das rechte, das das Gaspedal bediente, eigene Entscheidungen trafen, an denen das obere Bewußtsein keinen Anteil hatte. Er fuhr durch das Holsteinische, durch Bad Oldesloe ein zweites Mal, durch Reinfeld, durch die Lübecker Bucht in größerer Entfernung, und an der A20 fuhr er, wieder ohne abzubiegen, weiter auf die A1, dann auf die A7, dann nach Norden, in einer Linie, die er nicht plante und die ihn doch unmißverständlich nach Norden trug, in der Nacht, in einer Form von Verkehrsteilnahme, in der das Auto die Strecke kannte, ohne daß der Fahrer die Strecke gekannt hätte, und Stoll fuhr und sah die Schilder, las sie, ohne sie zu lesen, und nahm zur Kenntnis, daß die Strecke nach Flensburg führte, ohne sich zu fragen, warum die Strecke nach Flensburg führte, denn er hatte längst aufgehört, die Strecken nach ihrer Herkunft zu befragen.

Er kam in Flensburg an, als die ersten Möwen aus den Hafenbecken aufstiegen, an einem Morgen, in dem die Förde wie eine schmutzige Schiefertafel daliegt, auf der jemand, in der Nacht, mit einem feuchten Lappen über alte Notizen gewischt habe, ohne sie ganz zu entfernen. Er parkte am Hafenbecken, stieg aus, ging eine Weile am Wasser entlang, denn er wußte nicht, wohin er gehen sollte, und er ging in eine Bäckerei, die schon offen war, kaufte ein Brötchen, das er nicht aß, und sprach den Verkäufer an, einen jungen Mann mit schlafenden Augen, und fragte, ob er ein Pflegeheim namens St. Franziskus kenne, in der Stadt. Der junge Mann sagte: Mürwik. Sie nehmen die Buslinie 5. Stoll bedankte sich. Er nahm nicht den Bus. Er fuhr mit dem Wagen nach Mürwik.

Das Pflegeheim St. Franziskus war ein Backsteinbau aus den frühen achtziger Jahren, in einem mit Kiefern bestandenen Grundstück, an dessen Eingang ein Schild stand, das in dunkelroter Lackschrift den Namen der Einrichtung trug, sowie, in kleineren Buchstaben darunter: „Trägerin: Gemeinnützige Stiftung Diakonie Schleswig”. Stoll betrat den Eingangsbereich, sah eine Pförtnerin, eine Frau Mitte sechzig, die in einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Wachsamkeit ihm entgegensah, wie es Pförtnerinnen in solchen Häusern oft gegeben sei, und er sagte, ohne lange zu überlegen, denn die Frage war ihm in den dreihundertvierzig Kilometern auf der A7 in einer Form vorbereitet worden, der er nichts mehr hinzufügen konnte: ich suche Herrn Manfred Hoegen.

Die Pförtnerin sagte: Herr Hoegen ist verstorben. Stoll sagte: wann. Sie sagte: vor zwei Wochen, am 28. März. Stoll sagte: gibt es jemanden in dem Haus, der ihn kannte. Sie sah ihn an, mit einem Anflug von Aufmerksamkeit, der auf eine sehr lange Diensterfahrung schließen ließ, und sagte: ja, seine Witwe, Frau Hoegen, sie ist Pflegerin hier, sie ist heute im Frühdienst, sie kommt um halb sieben, das ist in zwölf Minuten. Stoll sagte: ich warte. Sie sagte: setzen Sie sich. Sie wies ihm einen Stuhl zu in dem Vorraum, einen Stuhl mit einem grünen Polster, das schon viele gesehen haben mußte. Stoll setzte sich. Er las nicht die Zeitschriften, die auf dem Tischchen lagen. Er sah das Bild an der Wand an, eine Reproduktion eines Münters-Aquarells, das eine Landschaft im Schnee zeigte und das, im Aprillicht des Vorraums, in einer Form vor ihm hing, die ihm, weil sie nichts mit Hannelores Hollenberg-Holzschnitt zu tun hatte und ihm dennoch etwas mit Hannelore zu tun zu haben schien, eine kleine Verlegenheit bereitete, der er sich, nach einer Weile, durch das Schließen der Augen entzog.

Frau Hoegen kam um halb sieben, in einem hellblauen Pflegekittel, einer Frau Mitte fünfzig, mit kurzem grauem Haar und einem Gesicht, in dem die Müdigkeit eines Frühdiensts mit der Wachheit einer Frau in einem Beruf, in dem nicht zu schlafen ist, eine seltene Mischung gefunden hatte. Sie sah Stoll, sah ihn ein zweites Mal, sagte: Herr Doktor Stoll. Stoll sagte: woher. Sie sagte: Manni hat Sie beschrieben. Vor zwei Jahren, in einer Klarphase, in der er noch sprechen konnte. Er hat mir gesagt, eines Tages werde ein Mann kommen, einundsechzig oder zweiundsechzig, mit grauem nach hinten gekämmtem Haar, in einem Mantel, den er nicht abnehme. Sie sehen genau aus wie Manni gesagt hat. Kommen Sie. Setzen wir uns in den Speisesaal, da ist um diese Stunde noch keiner.

Sie führte ihn durch einen langen Flur, in dem es nach jenem dünnen, süßlichen Reinigungsmittel roch, das in solchen Häusern zur Bodenhygiene benutzt werde, einem Geruch, in dem Stoll, weil sein Beruf ihn gelehrt hatte, jedem Geruch eine Funktion zu unterstellen, eine Strategie der Verdeckung erkannte, also eine Funktion, einen anderen Geruch unkenntlich zu machen, von dem er, Stoll, in einer beruflichen Übung, die er hier nicht zu unterbrechen vermochte, sich vorstellte, daß er der Geruch von altem Urin sei, einer Krankheit, die jeder hier kannte und die niemand benannte. Sie kamen in den Speisesaal, in dem die Tische schon mit weißen Tischdecken eingedeckt waren, mit blauen Servietten und kleinen Glaskännchen Marmelade, und Frau Hoegen führte ihn an einen Ecktisch, an dem ein Fenster auf die Förde hinausging. Sie sagte: Tee. Stoll sagte: nein, danke. Sie sagte: doch. Sie holte zwei Tassen und eine Kanne. Sie setzte sich.

Sie sagte: ich werde das so kurz machen, wie es geht, denn ich habe Frühdienst und in zwanzig Minuten kommen die ersten. Manni hat 1998 eine Frau erschlagen, die in der Klinik Flensburg als Reinigungskraft gearbeitet hat, eine Helene Reusch, das war im Sterilisationsraum der Chirurgie, am späten Abend. So jedenfalls hieß es. Manni hat geschwiegen. Sie haben das Gutachten geschrieben. Er ist 1999 verurteilt worden, neunzehn Jahre, plus Sicherungsverwahrung, die ihm dann 2018 erlassen wurde, weil sein geistiger Zustand keine weitere Verwahrung mehr begründete. Er kam zu mir, als er entlassen wurde. Wir waren nicht verheiratet, das haben wir 2019 nachgeholt, in einer kleinen Kapelle in Glücksburg, nur ein Diakon und seine Schwester, die mittlerweile auch tot ist. Manni hatte schon Alzheimer, im Anfangsstadium. Wir haben hier ein Zimmer für ihn bekommen, in dem ich ihn jeden Tag besucht habe. Er hatte gute Tage und schlechte Tage, wie das so ist, aber an manchen Tagen, eine Eigenheit, die mir die Stationsärztin nicht hat erklären können, war er so klar wie früher, klarer manchmal, eine Klarheit, von der ich gehört habe, daß sie bei manchen Demenzpatienten gelegentlich auftritt, eine Form von Aufhellung, die in der medizinischen Literatur für so flüchtig gehalten wird, daß man sie nicht zu zählen pflegt. An solchen Tagen hat Manni mir Sachen erzählt, die er mir vorher nicht erzählt hatte. Er hat mir erzählt, daß er die Frau nicht erschlagen hat. Er hat mir erzählt, daß er sie tot gefunden hat, und daß er in dem Augenblick, in dem er sie tot fand, einen Mann hat aus dem Sterilisationsraum schleichen sehen, einen Mann mit grauem Mantel, der nicht zur Klinik gehörte, der ihn, Manni, gesehen hat und doch nicht gesehen hat, also ihn, Manni, unter dem Tatortlichteinfall sah, ohne sich für ihn zu interessieren. Manni hat mir erzählt, daß er gewußt hat, dieser Mann werde bald wieder kommen, in einer anderen Form, dieser Mann werde, sagte er, eines Tages an seinem Tisch sitzen und das Gutachten schreiben. Er hat sich, sagte er, das von Anfang an klar gemacht. Er hat geschwiegen, sagte er, weil er gewußt habe, daß ein Mann, der einen anderen Mann beim Schleichen aus einem Sterilisationsraum sieht, ohne ihn zu erkennen, einer ist, der sich nicht erkennen will, und so einen Mann zu unterstützen, ist, sagte Manni, eine Form des Beistands, der man sich, in einer Welt, in der nicht viele Männer Beistand brauchen, nicht entziehen darf, wenn er einem angeboten wird, durch das pure Erscheinen des Anderen am Tatort. Manni war religiös. Er war Mitglied einer kleinen evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in Tarp, die er, weil sie sich auflöste, als er im Vollzug war, nicht mehr besuchen konnte. Er hat sein Schweigen als das verstanden, was er einen Gottesdienst nannte, einen Gottesdienst ohne Gemeinde, an dem er, Manni, der einzige Teilnehmer und der einzige Zelebrant war, und in dem er, jeden Tag, ein einziges Wort nicht sagte, das er ohne diesen Gottesdienst hätte sagen müssen, das Wort Stoll. Er hat das Wort, sagte er, in den neunzehn Jahren in Lübeck und in den sieben Jahren danach hier, in einem inneren Vorgang, den er mir nicht weiter beschreiben konnte, einundzwanzigtausend Mal nicht gesagt. Er hat es ein einziges Mal gesagt, mir gegenüber, in der letzten Klarphase, im Februar dieses Jahres, als er wußte, daß er sterben würde, und er hat mir gesagt: bitte, gib es ihm, wenn er kommt, denn er wird kommen, ich weiß es, sage ihm, ich habe es nicht ausgesprochen, aber er soll wissen, daß ich es einundzwanzigtausend Mal nicht ausgesprochen habe, das ist mein Geschenk an ihn, sage es ihm so. Er hat einen Brief geschrieben, in dieser Klarphase, und ich habe ihm versprochen, den Brief aufzuheben.

Sie zog aus der Kitteltasche einen Umschlag, einen weißen Umschlag, auf dem in einer schmalen, gleichmäßigen Schrift „Für den Doktor” stand, und sie legte den Umschlag auf den Tisch. Sie sagte: lesen Sie. Es ist nicht lang.

Stoll öffnete den Umschlag. Es war eine einzige Seite, mit Bleistift geschrieben, in der gleichen schmalen Schrift wie auf dem Umschlag, in einer Sprache, der man die mühsame Bemühung des Schreibers anmerkte, korrekte Hochdeutsch zu setzen.

Auf dem Brief stand:

Sehr geehrter Herr Doktor.

Wenn Sie das lesen, bin ich nicht mehr da, und das ist gut so. Ich habe siebenundzwanzig Jahre nicht gesagt, was Sie wissen wollten. Ich habe es nicht gesagt, weil ich gesehen habe, daß Sie es nicht wissen wollten, sondern wissen mußten, ohne zu wissen, daß Sie es wissen mußten, und ein Mensch in dieser Lage ist nicht zu strafen, ein Mensch in dieser Lage ist zu schonen, und schonen, wußte ich, kann ich Sie nur, indem ich nichts sage. Ich habe geschont. Ich habe nichts gesagt. Ich war ein Reinigungsmann in einem Klinikum, und ich habe gewußt, was ein Reinigungsmann in seinem Beruf erkennt, das hat mir keiner beigebracht: man erkennt einen Schmutz daran, daß man die Hand danach ausstreckt. Ich habe meine Hand nach Ihnen ausgestreckt. Ich habe Ihren Schmutz nicht weggewischt, das war mir nicht aufgegeben, das mußten andere tun, ich habe ihn nur gesehen und nicht ausgesprochen. Sie haben jetzt, da Sie meinen Brief lesen, vielleicht eine Empfindung, die ich kenne, ich nenne sie die Empfindung des Spät-Sehers. Sie sieht einen Augenblick nach hinten und vermutet, daß alles anders gewesen wäre, hätte sie früher gesehen. Tun Sie mir den Gefallen, Herr Doktor, lassen Sie diese Empfindung. Sie ist eine Versuchung. Sie führt nirgendwohin. Es ist nicht Ihre Aufgabe, sich zu vergeben. Lassen Sie sich vergeben. Lassen Sie das Vergeben anderen. Wir haben unseres bekommen.

Mit freundlichen Grüßen und gut einundzwanzigtausend nichtgesagten Worten

Manfred Hoegen

Stoll legte den Brief auf den Tisch. Er sah Frau Hoegen an. Sie sah ihn an. Sie sagte: trinken Sie den Tee, er wird kalt. Stoll trank. Es war ein heißer Tee, ein Friesentee, der ihn an Frau Lewerenz erinnerte, und er trank ihn, ohne sich an dem Diakon zu stoßen, der ihm 2003 das heiße Glas an den Hals gehalten hatte, denn dieser Tee, das war eine Auffälligkeit, die er bemerkte, ohne sie zu deuten, war ein Tee, der ohne Gefahr war, wahrscheinlich weil die Frau, die ihn vor ihn hingestellt hatte, eine Pflegerin war.

Frau Hoegen sagte: Manni hat Sie zweimal in Kiel gesehen. Einmal 2019, im Sommer, als wir einen Tag hineingefahren sind, weil Manni ein Eis essen wollte am Hafen. Wir sind die Holtenauer hochgefahren, mit dem Bus, und an der Haltestelle Kronshagener Weg ist Manni aufgestanden und hat aus dem Fenster gesehen, lange. Ich habe ihn gefragt, was er sehe. Er hat gesagt: das Haus. Ich habe gefragt: welches Haus. Er hat gesagt: dort, das mit dem Erker. Es brennt Licht. Wir haben das Haus angesehen, eine Weile, und dann haben wir die Holtenauer wieder zurückgefahren, ohne ein Eis zu essen. Manni hat den ganzen Tag nicht mehr gesprochen. Das war das eine Mal. Das andere Mal war 2022, im Winter, ich war nicht dabei, er hatte sich heimlich aus dem Heim entfernt, mit einem Bus war er nach Kiel gefahren, niemand wußte wohin, er kam erst am nächsten Morgen zurück, von der Polizei zurückgebracht, die ihn am Schreventeich auf einer Bank schlafend gefunden hatte. Er hat nichts gesagt, wo er war oder was er getan hatte. Aber als ich ihn fragte, hat er mich angesehen und hat gesagt: ich habe an den Fenstern hochgesehen. Mehr ist nicht aus ihm herausgekommen. Wir haben es nie wieder besprochen.

Stoll sagte: er hat an den Fenstern hochgesehen.

Frau Hoegen sagte: ja.

Stoll sagte: ich habe ihn nicht gesehen.

Frau Hoegen sagte: das wundert mich nicht.

Sie standen auf. Sie führte ihn zurück zum Eingang. An der Tür sagte sie: Herr Doktor Stoll. Eines noch. Manni hat mich gebeten, ich solle Ihnen, falls Sie kommen, sagen, daß er nicht der einzige war. Er wußte von einem anderen, Herrn Buschhardt, denn die beiden waren in der Hofstunde 2003 einmal nebeneinandergegangen, drei Runden lang, ohne ein Wort zu wechseln, und das, sagte Manni, sei die ausführlichste Unterhaltung gewesen, die er, Manni, je in seinem Leben mit jemandem gehabt habe, der ihn verstand. Manni glaubte, es gebe noch fünf weitere. Er hat sie nicht gekannt. Aber er hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß die fünf weiteren auf Sie warten, sofern sie noch leben. Ich gebe Ihnen das so weiter, wie er es mir gesagt hat. Ich weiß nicht, was es bedeutet.

Stoll sagte: ich danke Ihnen.

Frau Hoegen sagte: bedanken Sie sich nicht. Mannis Brief hätten Sie auch gefunden, wenn ich nicht gewesen wäre. Ich war nur die, die ihn aufbewahrt hat. Aufbewahren ist ein Beruf, in dem die Leistung des Aufbewahrers oft überschätzt wird.

Sie reichte ihm die Hand. Stoll nahm sie. Er ging hinaus. Er fuhr nach Kiel zurück, durch den Vormittag, durch die A7 in umgekehrter Richtung, durch die Lücke zwischen Schleswig und Rendsburg, an deren Stelle er, in einer kleinen Erinnerungslücke, an der er sich nicht aufhielt, sich wunderte, ohne fragen zu können, was er sich wundere; er kam in Kiel am späten Vormittag an, parkte nicht vor der Praxis, sondern in einer Seitenstraße am Schreventeich.

VI. Schreventeich

Er stieg aus. Es war eine Seitenstraße, in der wenig Verkehr war. Hannelore hatte zwischen 1989 und 1992 in einem Hinterhaus an dieser Straße gewohnt, einer Etage in einem Backsteinbau, dessen Vorderhaus inzwischen abgerissen worden war, ohne daß das Hinterhaus mit abgerissen worden wäre, weshalb es nun, auf eigentümliche Weise erhöht und freigestellt, am Ende eines kleinen Innenhofs stand, zugänglich nur durch eine Lücke, in der vorher das Vorderhaus gewesen war.

Er ging in den Innenhof. Es war nicht so, daß er zum Hinterhaus wollte. Es war so, daß er nicht entscheiden konnte, ob er zum Hinterhaus wollte oder nicht, und er, der seinen ganzen Beruf auf die Annahme gegründet hatte, daß ein Wille, der sich nicht entscheiden kann, in den allermeisten Fällen ein nicht ausgesprochener Wille zu beidem sei, ging einfach hinein und stand auf dem Hof und sah hoch zum Fenster Hannelores im zweiten Stock, hinter dem Licht brannte. Es brannte Licht in Hannelores Wohnung, sechsunddreißig Jahre nachdem sie verschwunden war. Das Licht war kein Hinweis. Das Licht war eine andere Mieterin, die den Computer eingeschaltet hatte oder die Lampe nicht ausgemacht hatte, beim Abendessen, beim Lesen, beim Schlafen — er wußte es nicht. Das Licht war keine Wiederkehr. Aber er sah es an und er hatte die Empfindung, die er in seiner Anamnese als trügerisch und nicht handlungsleitend zu vermerken hätte, daß Hannelore vielleicht doch oben sei und ihn hereinriefe, wenn er klingelte.

Er klingelte nicht. Er kannte die Grenze. Er stand fünfundzwanzig Minuten auf dem Hof, in der vom Schreventeich heraufziehenden Vormittagsstille, und er erinnerte sich, weil das Erinnern jetzt nicht mehr aufzuhalten war, an den 12. Februar 1992, einen Mittwochabend, an dem Charlotte gegen halb elf in das Sprechzimmer am Knooper Weg gekommen war, in dem er, Stoll, an seinem ersten umfassenden Gutachten gearbeitet hatte, einem Gutachten über einen Mann, der in einem Tanksellager bei Eckernförde eine Frau erstickt hatte, und Charlotte hatte sich vor seinen Schreibtisch gestellt und ihm gesagt, sie habe gerade mit Nina, die damals sechs Jahre alt war, ein Gespräch gehabt, in dem Nina sie gefragt habe, warum Papa abends nicht mehr in ihrem Zimmer Gute Nacht sage; und Charlotte habe ihr, weil sie die Wahrheit nicht ertrug, gesagt, Papa schreibe Berichte über Männer, die andere Menschen wehtäten, weshalb er abends keine Zeit habe; und Nina habe gefragt, ob diese Männer auch ihrem Papa wehtäten, und Charlotte sei nicht dazu gekommen, eine Antwort zu finden. Stoll, an dem Mittwochabend, hatte Charlotte angesehen, wie man eine Person ansieht, die einem etwas mitteilt, das man nicht hören will, und er hatte gesagt: dann sag ihr, es sei umgekehrt. Charlotte hatte ihn nicht verstanden. Er hatte erklärt: sag ihr, ich tue den Männern weh. Charlotte hatte ihn lange angesehen. Sie hatte gesagt: Hartwig, das ist nicht witzig. Er hatte gesagt: das war nicht witzig gemeint. Charlotte war hinausgegangen. Vier Tage später, am Sonntag, nach einem Streit, an den er sich, das wußte er heute, nur deshalb nicht erinnerte, weil er ihn nicht erinnern wollte, hatte er sie in der Küche geschlagen, ein einziges Mal, mit der flachen Hand, und Charlotte hatte ihn nicht angesehen, sie hatte sich umgedreht, sie hatte ihre Sachen gepackt, und sie war mit Nina ausgezogen, in eine kleine Wohnung in Hassee, in der sie bis zum Krebsbefund 2006 gelebt hatte und in der sie 2014 gestorben war, und sie hatten nie wieder darüber gesprochen, denn Charlotte hatte ihn nie wieder geschlagen, also hatte sie ihn nie wieder gesprochen, denn die zwei Dinge, das war ihr Stil, hingen für sie zusammen.

Nina, fiel ihm ein, war jetzt fünfunddreißig. Nina war Restauratorin in München. Nina hatte ihn 2017, an einem Freitag, angerufen und ihm mitgeteilt, sie habe das Verhältnis zur Familienseite Stoll abschließend geklärt, was, hatte sie hinzugefügt, kein Vorwurf sei, sondern eine Mitteilung; sie würde sich, wenn er sich melde, melden, aber sie werde sich nicht mehr von ihm aus erreichen lassen. Stoll, am Telefon, hatte gesagt, er verstehe. Er hatte sich seither nicht gemeldet. Er hatte ihr, in den vergangenen acht Jahren, an Geburtstagen und Weihnachten Karten geschickt, an deren Empfang sich seine Tochter durch eine kleine Nachricht bestätigt hatte, in zwei Fällen mit dem Wort Danke, in den anderen Fällen ohne Wort, mit einem Punkt; und er hatte diesen Punkt, einen einzelnen Tippfehler-vermeidenden Punkt, dreimal als das Mindeste an Verbindung gewertet, das eine Tochter ihrem Vater zugestand, der ihr, wenn sie es gewußt hätte, was sie nicht gewußt hatte, mehr genommen hatte als nur eine abendliche Gute-Nacht-Stimme.

Er stand fünfundzwanzig Minuten auf dem Hof. Er sah hoch zum Fenster der Wohnung, in der Hannelore zwischen 1989 und 1992 gelebt hatte, in der sie einmal pro Woche, wenn er zu ihr kam, ein Buch auf dem Stuhl neben dem Tisch hatte liegen lassen, ein Buch, das sie gerade las und an dessen Existenz er sich, wenn sie davon erzählte, immer als an etwas erinnerte, was sein eigenes Leben, in seinen jeweils ungelesenen Strecken, nicht enthielt: Klaus Mann, Annemarie Schwarzenbach, Marlen Haushofer, einmal eine biografische Studie über Else Lasker-Schüler, einmal eine Ausgabe der Gedichte Sarah Kirschs, die sie ihm dann geschenkt hatte, eine schmale, weiße Ausgabe, deren Verbleib er nicht mehr wußte, aber von deren Verbleib er, jetzt, in der hellen Vormittagsstunde am Schreventeich, mit der Sicherheit annahm, mit der man die Lage von Möbeln in einer Wohnung kennt, die einem nicht mehr gehört, daß sie im Aktenkeller war, in einem Hefter, in dem nichts stand und auf dessen Vorderseite nur ein Stempel zu sehen war: PRIVAT. und er versuchte sich zu erinnern, ob er an dem 19. Mai 1992 hier gestanden hatte, mit einem Strauß Tulpen vielleicht oder ohne, und er erinnerte sich nicht, aber er stellte fest, daß seine Beine die Lage des Hinterhauses kannten und daß er, ohne im Hof zu suchen, gerade dorthin gegangen war, ohne sich zu suchen, was er, in der Begutachtung eines anderen, als Hinweis auf eine prozedurale Gedächtnisspur in einem episodisch verschwiegenen Moment gewertet hätte, eine Spur des Körpers, die das Gedächtnis nicht erreicht.

Er hatte gesagt, er werde nicht klingeln. Er klingelte dennoch, um halb zwölf, an der Tür der zweiten Etage, an der ein Klingelschild mit dem Namen B. Tegtmeier hing, ein Name, den er nicht kannte und der ihm dennoch, im Augenblick des Drückens, in einer kleinen, an Probanden geschulten Reflexion, vorkam wie der Name einer Frau, die ihm öffnen würde, ohne sich zu wundern. Er hörte die Klingel, hörte einen Schritt, hörte das Schlüsseldrehen, sah die Tür sich öffnen. Vor ihm stand eine Frau Mitte vierzig, in einer Hauskleidung, in der man am Vormittag einer Mittwochsvorlesung der Universität Kiel zu Hause sein kann, also in einer Bluse und einer Strickjacke, beide nicht aufeinander abgestimmt, und in deren Hand eine Tasse Tee dampfte, die sie offenbar gerade gehoben hatte, als die Klingel ging.

Sie sagte: ja.

Stoll sagte, in einer Verlegenheit, die er, hätte er sie an einem Probanden gesehen, als die einzige verläßliche Echtheit der gesamten Begegnung verbucht hätte: entschuldigen Sie, ich heiße Stoll. Ich bin der Bruder einer Frau, die einmal in dieser Wohnung gewohnt hat. Ich habe an die Wohnung gedacht, ich wollte sie nur einen Augenblick sehen. Wenn das nicht stört.

Die Frau sah ihn an. Sie sah ihn lange an. Sie sagte: kommen Sie herein. Ich habe mich oft gefragt, wer einmal kommen würde. Ich habe sechzehn Jahre hier gewohnt, ich kenne die Wohnung gut, sie ist eine ungewöhnliche Wohnung, sie hat Stimmen, die nicht zu meinem Leben gehören. Ich habe diese Stimmen nicht als störend empfunden. Ich habe sie nur als nicht meine erkannt.

Sie ließ ihn eintreten. Stoll trat ein. Es war kleiner, als er es in Erinnerung hatte, eine kleine Diele, ein Wohnzimmer mit einem Fenster zum Hof, eine Küche dahinter; das Schlafzimmer, das er nicht betrat, lag links. Die Möbel waren nicht Hannelores, das wußte er sofort, aber die Anordnung war auf eine Weise, die ihm seltsam vorkam, ähnlich. Frau Tegtmeier, denn so hieß sie, sagte er hatte vergessen ihren Namen zu fragen, sagte: ich habe vor sechzehn Jahren die Wohnung von einer alten Mieterin übernommen, die schon ihrerseits seit 1995 hier gewohnt hatte. Die alte Mieterin sagte mir bei der Übergabe, sie habe nichts an der Anordnung geändert, weil die Möbel, die zuvor hier gestanden hätten, von einer Frau gewesen seien, die anständig hingestellt waren, und sie, die alte Mieterin, hätte sich nichts Besseres ausdenken können. Ich habe mich also in eine Anordnung hineingesetzt, die einer alten Wohnung war. Ich habe sie nicht verstellt. Ich glaube, ich konnte sie nicht verstellen, denn sie war zu gut, als daß ich es hätte ertragen, sie zu verschlechtern.

Stoll sagte: ich danke Ihnen.

Sie sagte: möchten Sie einen Tee.

Stoll sagte: nein. Bitte. Ich gehe gleich wieder.

Er stand einen Augenblick im Wohnzimmer, sah das Fenster zum Hof, sah den Stuhl, der nicht der Stuhl war, auf dem Hannelore die Bücher abgelegt hatte, der aber an der Stelle stand, an der dieser gestanden haben mußte. Er sagte: ich danke Ihnen. Er ging hinaus.

Im Treppenhaus, beim Hinunterstieg, hörte er Frau Tegtmeier hinter ihm, oben, sehr leise, „Stoll” sagen, einmal, ohne Antwort zu erwarten, und er begriff, daß sie diesen Namen nicht zum ersten Mal aussprach, daß es eine Übung war, eine kleine Übung einer Mieterin, die in einer Wohnung lebt, in der eine Stimme nicht zu ihrem Leben gehört, und er hörte den Namen Stoll, in einer Aussprache, die nicht seine eigene war, sondern, das wußte er ohne Zweifel, eine, die seine Schwester einmal gehabt hatte, als sie an dem Fenster zum Hof Briefe an ihren Bruder geschrieben hatte, in einer Form, die ihn jetzt, in seinem Hinunterstieg, beinahe hätte umkehren lassen.

Er ging zurück zum Auto. Er fuhr zur Praxis, einen Kilometer weiter den Knooper Weg hinunter. Er parkte. Er stieg aus. Er ging hoch. Er ließ den Mantel an. Er holte den Hefter S 14/92 aus dem Aktenkeller und holte die Hefter B 9/96, P 23/08, M 11/99, K 4/03, R 17/06, V 2/12 dazu. Er trug sie hinauf. Er legte sie nebeneinander auf den Schreibtisch. Er setzte sich. Er las. Er las den ganzen Nachmittag, er las den Abend, er las die ganze Nacht. Er las gegen die Müdigkeit, die er nicht spürte, und er las gegen die Übelkeit, die er auf der A1 nicht ganz losgeworden war, und er las gegen den Ekel vor sich, den er, das stellte er beiläufig fest, nicht hatte, denn ein Mann wie er, der sein Leben dem Sezieren des Inneren gewidmet hatte, hatte sich vor langer Zeit den Ekel vor dem Inneren abgewöhnt, und das war jetzt eine Voraussetzung dafür, daß er weiterlas.

Er las und sah, in jedem der sieben Verfahren, die gleichen drei Punkte: erstens, das Opfer war eine Frau gewesen, die in den vergangenen sechzehn Jahren mit der Beratungsstelle in der Düppelstraße in Verbindung gestanden hatte, sei es als Klientin, als Mitarbeiterin, als Angehörige einer Klientin, oder, in zwei Fällen, als Verwandte einer ehemaligen Mitarbeiterin; zweitens, der Beschuldigte war ein Mann gewesen, der in räumlicher Nähe zu dem Tatort eine Tätigkeit ausübte, die seine DNS auf dem Tatort plausibel machte, ohne ihn als Täter zu identifizieren; drittens, der Beschuldigte hatte geschwiegen, im Verfahren wie im Vollzug, und Stolls Gutachten hatte den Ausschlag gegeben, der zur Verurteilung führte. Er las und sah die Häufung. Er las und erkannte. Er las und hatte das Gefühl, daß sein eigenes Schreiben über die Jahre eine Selbstaufzeichnung gewesen war, eine Art lebenslanges Tagebuch, das er, wenn es als sein eigenes erkennbar gewesen wäre, niemals geführt hätte, das er aber in der Form eines Berufsdokuments über andere Männer hatte führen können, weil die Form ihn schützte vor dem Inhalt.

Gegen drei Uhr morgens, als das Licht des Knooper Wegs sich umstellte und die Nachtbusse auf den Tagverkehr ausgetauscht wurden, ging er hinunter, in den Aktenkeller, und suchte den Hefter ohne Beschriftung. Er fand ihn an der Stelle, an der er ihn vermutet hatte, denn er hatte ihn ja vermuten dürfen, an der Stelle der nicht gewollten Aufbewahrung, die jeder, der eine Aktenwand sein Leben lang vor Augen gehabt hat, selbst kennt: rechts unten, als wäre es selbstverständlich. Er nahm den Hefter heraus, ging hinauf, öffnete ihn.

In dem Hefter lag eine einzige Postkarte, eine Karte mit dem Stadtwappen Schleswigs auf der Vorderseite, ein abgegriffenes Wappen, ein wenig vergilbt, und auf der Rückseite stand, in Hannelores Schrift: Hartwig, ich denke, wir müssen das einmal in Ruhe besprechen, ich habe dich lange nicht so gesehen wie dich selbst, ich werde am Donnerstag zu Hause sein, komm vorbei, wenn du magst, deine H. Die Karte war abgestempelt am 15. Mai 1992. Hannelore war am 21. Mai 1992 verschwunden. Stoll erinnerte sich nicht an den Donnerstag dazwischen. Er erinnerte sich nicht an einen Besuch. Er erinnerte sich an eine Lücke, die er sein Leben lang nicht als Lücke wahrgenommen hatte, sondern als einen Bestandteil seiner Tage, eine ruhige Stelle, an die man nicht mehr denken muß, weil dort nichts ist.

Aber jetzt, mit der Postkarte in der Hand, einer Postkarte, die er sechsunddreißig Jahre nicht angesehen hatte, einer Postkarte, deren bloßes Vorhandensein er gewußt hatte, ohne sie je in den Händen halten zu wollen, jetzt hatte er, nicht eine Erinnerung, denn die war ja weiß geblieben, aber den Geruch der Wohnung am Schreventeich in der Nase, den Geruch von Buchenholzboden und alten Büchern und einer Suppe, die Hannelore in einer kleinen Töpferei gekauft hatte und die sie immer in derselben Pfanne aufwärmte, und er hatte die Empfindung, daß seine Beine sich an den Weg in die Wohnung erinnerten, an die Treppe, an den Knall der Tür, und daß er an dem Donnerstag zu ihr hinaufgegangen war, mit den Tulpen, die er an einem Stand vor dem Bahnhof gekauft hatte, und daß sie ihn empfangen hatte, mit jener vorsichtigen Strenge, die sie an dem Abend, an dem sie ihn rufen wollte, in ihrem Gesicht gehabt hatte, eine Strenge, die er als Streitlust gelesen hatte, obwohl es eine Sorge gewesen war, eine ältere Schwesterlichkeit über einen jüngeren Bruder, der seinen Beruf zu lieben begonnen hatte auf eine Weise, die ihr verdächtig vorkam.

Er ließ die Postkarte auf dem Schreibtisch liegen. Er nahm den Bleistift. Er begann zu schreiben.

VII. Aktenkeller

Er schrieb die ganze Nacht und den ganzen folgenden Vormittag, und gegen Mittag, als ihm einfiel, daß er nichts gegessen hatte seit sechsunddreißig Stunden, ging er in die Küche und machte sich ein Brot, ein Schwarzbrot mit Butter, und er aß es nicht, er ließ es liegen, denn der Brotteller, hatte er, im Schreiben, festgestellt, war zu klein für das, was er in dieser Stunde mit einem Brot anstellen wollte, also für ein Aussehen-Lassen eines Brotes ohne ein Essen-Davon, und er ging zurück in die Praxis und schrieb weiter.

Er schrieb in der Form, in der er sein Leben lang geschrieben hatte. Er schrieb mit Bleistift. Er schrieb auf liniertes Papier. Er schrieb in Aktenzeichen, die er sich selbst zuteilte, weil er der Sachverständige war, der die Vergabe von Aktenzeichen seit dreißig Jahren in dieser Praxis vornahm. Er schrieb in der dritten Person, denn er konnte nicht in der ersten Person schreiben, er war nicht ausgebildet für die erste Person, er hatte sich, wie er sich, beim Schreiben der ersten Seite, beobachtete, diese Person verboten, und das nicht erst seit dem 19. Mai 1992, sondern, das wußte er nun, seit etwa 1986, seit dem Begräbnis seines Vaters im Eichhof, an dem er gestanden hatte, ohne daß seine Schwester an seinem Arm gehangen hatte, was ihm jetzt, sechsunddreißig Jahre später, in einer Form von kühler Klarheit auffiel, die er weder erfreulich noch unerträglich fand, sondern lediglich richtig.

Er schrieb. Aber er schrieb nicht nur das Gutachten. Er schrieb auch eine Liste der sieben Aktenzeichen mit den Vornamen der Verurteilten und dem Datum ihres Verfahrens und dem Datum ihrer mutmaßlichen Schweigeerklärung, von der er nicht wußte, wann sie ausgesprochen worden war, denn sie war ja nie ausgesprochen worden, sie war stillschweigend gewesen, und er fügte, hinter jedem Aktenzeichen, eine Notiz an, in der er vermerkte, in welchem Verhältnis das jeweilige Opfer zu Hannelore gestanden hatte, von „direkte Mitarbeiterin der Düppelstraße, ehemals” bis hin zu „Schwester einer Klientin, die zwei Jahre vor der Tat in der Düppelstraße einmal vorgesprochen hatte, ohne aufgenommen zu werden.” Er ordnete die Notizen chronologisch. Er verglich sie. Er sah, daß die Abstände zwischen den Taten sieben Jahre, drei Jahre, drei Jahre, drei Jahre, drei Jahre und zwei Jahre betrugen, also unregelmäßig, aber doch in einer Folge, die nahelegte, daß die Taten an Ereignisse gebunden gewesen sein müßten, die nicht innerhalb der Tatdynamik selbst lagen, sondern außerhalb, in einem Lebensumfeld, das er nicht überblickte, weil er es war, dessen Lebensumfeld es war, und ein Mann, hatte er einmal in einem Gutachten geschrieben, könne vieles überblicken, nur nicht, was sein eigenes Leben bestimmt habe.

Er las, weil er einmal angefangen hatte, auch die anderen einundzwanzig Verfahren der dreißig Jahre, in denen ein nichtkooperativer Proband durch sein Gutachten verurteilt worden war, also auch jene Fälle, in denen das Opfer keine Beziehung zur Düppelstraße aufwies, und er prüfte, ob er sich selbst hinter den ihm unbekannten Tätern erkennen müsse. Er erkannte sich nicht. Er las über N 7/95 (Notfreund, Heide), über D 19/01 (Dahmen, Glückstadt), über G 12/04 (Görres, Plön), über A 28/10 (Ahlers, Eckernförde), über H 6/14 (Hennings, Husum), über T 31/17 (Trippler, Lübeck), und in keinem dieser Verfahren fand sich ein Hinweis auf eine Konstellation, die ihm, in der gegenwärtig sezierten Form, als seine eigene erkennbar war. Er stellte fest, daß er, in den anderen einundzwanzig Verfahren, einen sauberen, gewöhnlichen Sachverständigen-Ton gehabt hatte; daß die Probanden tatsächlich Probanden gewesen waren, und nicht Stellvertreter; daß die Opfer keine Beziehung zu seiner Schwester hatten und auch keine Beziehung, in irgendeiner mittelbaren Form, zu seinem privaten Lebenslauf; daß die Verurteilungen, in einundzwanzig von achtundzwanzig Fällen, gerecht gewesen waren oder doch wenigstens nicht ungerecht im Sinne einer von ihm, Stoll, ohne sein eigenes Wissen herbeigeführten Ungerechtigkeit. Diese Feststellung tröstete ihn nicht. Sie ergab nur, daß die sieben, mit denen er es jetzt zu tun hatte, in einem Sonderverhältnis zu ihm standen, und ein Sonderverhältnis, hatte er einmal in einem Gutachten geschrieben, sei keine Sache der Zahl, sondern eine Sache des Falls.

Er schrieb eine zweite Liste. Auf der zweiten Liste verzeichnete er die Daten, die in seinem eigenen Lebenslauf in zeitlicher Nähe zu den Taten lagen. Auf dem ersten Datum, dem 19. Mai 1992, lag der Streit mit Hannelore und das Verschwinden Hannelores. Auf dem zweiten Datum, dem 14. November 1996, lag eine Tagung in Rendsburg, die er noch wußte, weil er in der Hermann-Tast-Schule einen Vortrag gehalten hatte und im Anschluß einen ehemaligen Studienkollegen getroffen hatte, mit dem er, das fiel ihm jetzt ein, einen Streit gehabt hatte über die Frage, ob seine Schwester gesund gewesen sei oder krank, ein Streit, in dem dieser Studienkollege gesagt hatte, daß sie, Hannelore, gewiß nicht gesund gewesen sei, und daß sie das, was sie ihm, dem Studienkollegen, einmal anvertraut habe, nicht hätte anvertrauen dürfen, ohne daß er, der Studienkollege, jemals die Verantwortung für ihre nachfolgende Verschollenheit zu übernehmen bereit gewesen sei. Stoll hatte den Studienkollegen seither nicht wieder gesehen. Er hatte vergessen, daß es diesen Studienkollegen gegeben hatte. Er hatte vergessen, was Hannelore ihm anvertraut haben sollte. Er hatte alles vergessen, und das Vergessen war sein Beruf gewesen, dreißig Jahre lang.

Auf dem dritten Datum, dem 27. April 1999, lag eine berufliche Auszeichnung, die er erhalten hatte, ein Preis des Schleswig-Holsteinischen Justizministeriums für hervorragende sachverständige Arbeit, ein Preis, den er angenommen hatte, ohne in Erinnerung zu haben, daß die zwei Wochen davor ein Mann namens Manfred Hoegen in einem Verfahren in Flensburg auf Grund seines Gutachtens zu lebenslang verurteilt worden war. Auf dem vierten Datum, dem 9. März 2003, lag der Vorfall mit dem dissoziativ verwirrten Diakon, der ihm das heiße Glas an den Hals gehalten hatte. Auf dem fünften Datum, dem 6. September 2006, lag der Tag, an dem Charlotte, seine inzwischen geschiedene Frau, ihm mitgeteilt hatte, daß sie an einem Karzinom erkrankt sei, und mit der er sich in den darauffolgenden Wochen, mehr aus Trotz als aus Liebe, wieder geredet hatte. Auf dem sechsten Datum, dem 14. Februar 2008, lag der Beginn des Petrie-Verfahrens, das er nicht selbst aufgenommen hatte. Auf dem siebten Datum, dem 19. Januar 2012, lag der Tag, an dem er das letzte Mal mit seiner Tochter Nina telefoniert hatte, einer Frau, die jetzt fünfunddreißig Jahre alt war und ihn seit acht Jahren nicht mehr besucht hatte und die er, das fiel ihm jetzt mit einer Schärfe ein, die er nicht beabsichtigt hatte, an dem Tag in einem Gespräch beleidigt hatte, weil er ihr die Bemerkung gemacht hatte, sie ähnele in der Stimme zunehmend ihrer Tante Hannelore.

Er las, weil ihn jetzt nichts mehr einholen konnte, was er nicht selbst eingeholt hätte, die sechs Hefter quer durch, in der Reihenfolge ihrer Aktenzeichen, und er las, mit einer Aufmerksamkeit, die er, hätte er sich von außen beobachtet, als die Aufmerksamkeit eines Geheimagenten beschrieben hätte, der ein zweites Mal eine Reihe von Räumen abklappert, von denen er weiß, daß er sie selbst eingerichtet hat, um zu prüfen, ob die Dinge an den Stellen liegen, an die er sie selbst gelegt hat.

In B 9/96 las er auf Seite achtzehn: „Der Proband hat keinen biographischen Anlaß, gegen die Person der Geschädigten eine Affekthandlung zu vollziehen, die mit der vorliegenden Tatdynamik vereinbar wäre. Er hatte sich bis zur Tatzeit in einer durchaus stabilen Lehrer-Schüler-Beziehung zu der Geschädigten befunden, die sich in einer freundlichen Distanz erschöpfte. Die Tat ist gleichwohl ihm zuzurechnen, weil er der einzige in der Klasse war, dem die Geschädigte eine besondere Vertrauensposition zubilligte, und weil er, in einer mutmaßlichen Selbstgrenzüberschreitung, dieses Vertrauen instrumentalisiert haben wird.” Stoll las den Satz mit einer Form von Übelkeit, die er nicht hatte; er las den Satz und hörte sein damaliges, einunddreißigjähriges Selbst, das einen Mann beschuldigte, dessen Vertrauenswürdigkeit es selbst in derselben Sitzung mit dem Satz „durchaus stabil” und „freundliche Distanz” wahrheitsgemäß protokolliert hatte, und er erkannte, daß das eigene damalige Selbst in der Auflösung dieses Widerspruchs eine Geste vorgenommen hatte, die er, hätte er sie an einem anderen Sachverständigen gesehen, als systematische Befundunterordnung diagnostiziert hätte, also als die Bereitschaft, einen klaren Befund unter eine Annahme zu schieben, die dem Befund widerspricht.

In M 11/99 las er auf Seite elf: „Der Proband, von Beruf Reinigungskraft im Klinikum Flensburg, weist in der Persönlichkeit weder die kalte Berechnung noch die heiße Affektivität auf, die der Tat zu entsprechen hätten. Sein Schweigen ist gleichwohl nicht als Verweigerung, sondern als Selbstrücknahme zu lesen. Er hat sich, in der Begutachtungssituation, jeder Provokation entzogen. Er hat dem Gutachter, in einer Geste, die als symbolisch gewertet werden darf, an drei Sitzungen jeweils eine Tasse Wasser angeboten, ohne selbst zu trinken. Es ist anzunehmen, daß diese Geste auf eine Form von beruflich ererbter Höflichkeit zurückgeht, die ihn, in der Tatsituation, nicht daran gehindert hat, das zu tun, was er getan hat.” Stoll las den Satz und stellte fest, daß sein damaliges Selbst, in einer beiläufigen Bemerkung über das Wasserangebot des Probanden, das eigene Wassertrinkverhalten in der Praxis kommentiert hatte, ohne dies zu bemerken: er, Stoll, hatte den Probanden Manfred Hoegen aus Flensburg ein Glas Wasser angeboten und nicht getrunken; und der Proband hatte ihm eine Tasse Wasser angeboten und ebenfalls nicht getrunken; das Wasser, hatte das damalige Selbst geschrieben, sei eine Ware ohne Geruch, in der zwei Männer, die nicht miteinander reden wollten, einen gemeinsamen Schwerpunkt finden könnten, der sie weder einander näher brachte noch voneinander entfernte. Stoll las das jetzt und fand es beschämend, nicht des Probanden wegen, sondern seiner selbst.

In K 4/03 stand auf Seite acht: „Der Proband ist vor der Tat in einem Verhältnis zur Geschädigten gestanden, das einem alten Schuldverhältnis ähnelt. Er hat ihr, vor mehreren Jahren, eine Bürgschaft abgegeben, die sie, in einer für ihn ungünstigen Konstellation, in Anspruch genommen hat. Er empfindet seither eine Mischung aus Verbundenheit und Erbitterung, die in der Tatzeit in einer Geste der Auflösung gipfelte. Diese Geste hatte für ihn nicht den Charakter einer Strafe, sondern den einer Quittung.” Karl-Heinz hatte er sich in der gestrigen Liste notiert; jetzt las er den vollen Namen: Karl-Heinz Stoetzer, Schreiner aus Itzehoe, eine Frau namens Erika Mautner getötet, auf einem Hinterhof, der zur Düppelstraße keine räumliche, aber, so erkannte Stoll jetzt, eine personelle Verbindung über eine Sozialarbeiterin namens Liselotte Brendel hatte, eine Brendel, die mit Hannelore zusammen studiert hatte und die der Stelle in der Düppelstraße in den achtziger Jahren angehört hatte, bis sie, aus Gründen, die der Akte Stoetzer nicht zu entnehmen waren, nach Itzehoe gezogen war. Stoll erinnerte sich an Liselotte Brendel als an eine ältere Studentin in der WG, die Hannelore manchmal besuchte und einen Hund hatte, einen Hund, der den Hund, den er in der vorletzten Nacht vor dem Fenster gesehen hatte, in der Erinnerung verdeckte oder freilegte, das war jetzt nicht mehr zu trennen.

In R 17/06 stand auf Seite zwanzig: „Der Proband, ein Schiffselektriker aus Flensburg, hat im Verlauf der Tatnacht eine Reihe von Handlungen vollzogen, die in ihrer Reihenfolge keinen erkennbaren rationalen Zusammenhang haben. Er hat das Opfer in einem Restaurant getroffen, mit dem Opfer Tee getrunken (in der Gaststätte Zum Holsten, an der Hafenpromenade), das Opfer im Laufe des Abends auf das eigene Zimmer geführt, dort einen Streit gehabt, das Opfer aus dem Zimmer hinausgeführt, das Opfer auf dem Hof getötet, sich anschließend gewaschen und sich, in der nahegelegenen Kirche St. Marien, einen Augenblick auf eine Bank gesetzt, ohne zu beten.” Reinhold Selz, schoß es ihm jetzt durch den Kopf, denn der Vornamen Reinhold war ihm in der Liste gestanden, war ein Mann gewesen, mit dem er, Stoll, in der Begutachtung über die Sitzgelegenheiten in St. Marien gesprochen hatte, weil er, Stoll, an einem Tag im Februar 1979, als Student, dort selbst auf einer Bank gesessen hatte, ohne zu beten, in einem Zustand der Selbstanerkennung als möglicher Mörder, der ihm damals als jugendliche Albernheit erschienen sei und an den er sich, jetzt, mit einer brennenden Klarheit erinnerte: er hatte damals auf der Bank in St. Marien gesessen und gedacht, daß er, Stoll, zu Mord fähig sei, und hatte den Gedanken anschließend für eine pubertäre Auflehnung gehalten und nichts mehr davon gewußt.

In V 2/12 stand auf Seite fünfzehn: „Der Proband, ein Volker Hartmann, von Beruf Gärtnermeister in der Gemeinde Plön, hat die Geschädigte, eine Frau namens Sigrid Lessen, in deren eigenem Garten getötet, mittels eines Werkzeugs, das er bei sich führte, eines Spatens. Es ist beachtlich, daß der Proband, der sich seit elf Jahren mit der Geschädigten in einer beruflichen Beziehung befunden hatte, keinerlei Vorzeichen der Tat in seinen Tagebüchern, die der Begutachtung zur Verfügung stehen, vermerkt hat. Es ist anzunehmen, daß die Tat in einer für den Probanden selbst überraschenden Form aus einer kurzen, situativen Auseinandersetzung über die Größe einer zu pflanzenden Lavendelhecke entstanden ist.” Stoll las den Satz und sah, mit einer Schärfe, die er nicht aufzubringen versucht hatte, die Lavendelhecke, die zwischen dem Garten seiner Schwester in einem Schrebergarten in Schönberg und dem Nachbargrundstück gestanden hatte, eine Hecke, die er und Hannelore als Kinder hatten beschneiden müssen, weil ihr Vater einen schlechten Rücken hatte, und er erinnerte sich, daß Hannelore, beim Beschneiden, immer gesagt hatte: nicht zu kurz, Hartwig, nicht zu kurz, sonst stirbt sie ab.

Er las die sechs Hefter zu Ende. Er ordnete sie wieder in der Reihenfolge ihrer Aktenzeichen. Er sah die zwei Listen nebeneinander an. Er erkannte das Muster. Er erkannte nicht die Ursache. Er erkannte jedoch, daß die Ursache, sofern es eine gab, nicht in einem äußeren Auslöser zu suchen war, sondern in einem inneren Mechanismus, der in regelmäßigen Abständen, und immer dann, wenn etwas in seinem Leben geschah, das ihn zwang, sich seiner Schwester zu erinnern, ohne sich an sie zu erinnern, einen Zustand auslöste, in dem ein Teil von ihm, ein Teil, den er nicht kannte und den er sein Leben lang verachtet hätte, hätte er ihn gekannt, eine Art Korrekturhandlung vornahm, die er, in dem alten Gutachten von 1992, in einer fast schon prophetischen Genauigkeit beschrieben hatte: eine abschließende Geste, im Sinne einer Korrektur, die er, im engeren Sinne, nicht hätte vornehmen dürfen, und die er, in dem weiteren Sinne, in dem er sie als unausweichlich empfand, vornehmen mußte, weil ein Mann wie er ohne diese Korrekturen seinen Beruf nicht ausüben konnte, und ohne seinen Beruf, das wußte er, wäre er nicht mehr vorhanden gewesen.

Er schloß den Kugelschreiber, den er nicht benutzt hatte. Er nahm den Bleistift, dessen Spitze er, in einem nun gewohnten Akt, nachschnitzte, mit einem alten Stahlanspitzer, den Frau Lewerenz seit ihrem Tod im Sprechzimmer hatte liegen lassen. Er schrieb.

VIII. Selbstgutachten

Aktenzeichen: HS-1/26.

Ort der Untersuchung: Praxis Dr. Hartwig Stoll, Knooper Weg 71, 24116 Kiel.

Datum: 12. April 2026, im Verlauf des Tages und der vorausgegangenen Nacht.

Untersuchungsanlaß: Selbstanzeige, vorbereitend.

Proband: Dr. Hartwig Stoll, geboren 16. Februar 1965 in Kiel, deutsch, Witwer, eine erwachsene Tochter, Beruf: forensischer Psychiater, niedergelassen seit 1991, langjährig tätig im Auftrag der Schleswig-Holsteinischen Gerichte als Sachverständiger für nichtkooperative Probanden.

Vorbemerkung des Gutachters: Der Proband ist mit dem Gutachter identisch. Der Gutachter ist sich der formalen Unzulässigkeit dieser Anordnung bewußt. Er sieht sich gleichwohl in der Lage, das nachfolgende Gutachten in der gebotenen sachlichen Distanz zu verfassen, da seine berufliche Sozialisation ihn dazu befähigt hat, die eigene Person als Akteneinheit zu behandeln. Der Gutachter erklärt darüber hinaus, daß er, sollte das von ihm hiermit angestrebte Verfahren zustande kommen, jedem ihm beigeordneten unabhängigen Sachverständigen vollumfängliche Auskunft erteilen, sämtliche Unterlagen, einschließlich der Praxisablage, der privaten Postkarte vom 15. Mai 1992 sowie der zwei in der Nacht vom 11. auf den 12. April 2026 verfaßten handschriftlichen Listen, zur Verfügung stellen und auf jegliche prozessuale Verteidigungsrechte, soweit dies dem mutmaßlichen Tatzeitpunkt 1992 nicht entgegensteht, im weiteren Verfahren verzichten wird, was vom Gutachter, in der hier abgedruckten Vorbemerkung, ausdrücklich an dieser Stelle festgehalten wird.

Anamnese: Der Proband ist im Mai 1992 in einer Lebenssituation hoher beruflicher Beanspruchung (Aufbau der Praxis, erste größere Begutachtungsaufträge) und privater Belastung (zerrüttete Ehe, Trennung im Februar desselben Jahres) in einen Zustand mehrfacher dissoziativer Episoden geraten, deren erste am Donnerstag, dem 19. Mai, im Anschluß an einen Streit mit der zwei Jahre jüngeren Schwester Hannelore Stoll, geb. 1967, Sozialarbeiterin in der Düppelstraße, in deren Wohnung in Kiel-Schreventeich auftrat. Der Proband erinnert sich bis zum heutigen Tage nicht an den Verlauf des Streits, nicht an die diesem folgenden Stunden und nicht an den Heimweg. Er erinnert sich an das morgendliche Erwachen in der eigenen Wohnung. Er erinnert sich, daß er, als sein Schwager Heinrich am übernächsten Tag anrief, weil Hannelore nicht zu einem Termin erschienen sei, in einer Selbstverständlichkeit reagiert hat, die ihm jetzt, im Rückblick, als die wesentliche Auffälligkeit des gesamten Vorgangs erscheint. Er hat keine Fragen gestellt. Er hat das Verschwinden der Schwester als Tatsache aufgenommen, deren Hintergrund er nicht zu kennen verlangte. Er hat vier Tage später, am 23. Mai, eine Postkarte aus Schleswig erhalten, abgestempelt am 21. Mai, die ihm seine Schwester offenbar am Tag des mutmaßlichen Streits, also am 19. Mai, geschrieben hatte und die ihn, in einem präzisen Wortlaut, an genau den Donnerstag erinnerte, an den er sich nicht erinnerte; er hat die Postkarte gelesen, in einen Hefter gelegt und siebenunddreißig Jahre lang nicht mehr angesehen. Er hat, wenige Tage nach Hannelores Verschwinden, in seiner damaligen Funktion als notärztlich erreichbarer Sachverständiger an der Identifikation einer in einem Hinterhof in der Düppelstraße aufgefundenen Toten mitgewirkt; er hat, in der amtlichen Niederschrift, festgehalten, daß die Tote ihm nicht bekannt sei und einer ihm nicht zugeordneten Klientin der Beratungsstelle entspreche; diese Aussage war unrichtig, ohne daß der Proband, zum Zeitpunkt der Aussage, deren Unrichtigkeit erkannt hätte. Die Tote war seine Schwester.

Befund zum Tatzeitpunkt 19. Mai 1992: dissoziative Amnesie im Sinne einer psychogenen Erinnerungsausschaltung; aufgehobene Steuerungsfähigkeit; aufgehobene Einsichtsfähigkeit. Die Voraussetzungen des § 20 StGB sind als gegeben anzunehmen. Der Proband war zum Tatzeitpunkt schuldunfähig.

Befund zur Folgezeit, Mai 1992 bis April 2026: Der Proband hat in dieser Zeit als forensischer Psychiater siebenundzwanzig Verfahren begleitet, in denen ein nichtkooperativer Beschuldigter durch sein Gutachten verurteilt wurde. In sieben dieser Verfahren stand das Opfer in mittelbarer oder unmittelbarer Verbindung zur Beratungsstelle in der Düppelstraße, in der die Schwester des Probanden zwischen 1989 und 1992 tätig war. In allen sieben Verfahren handelte es sich um Frauen, die ohne identifizierbare Familienverhältnisse gefunden wurden und deren Tod auf eine Tatdynamik hinweist, deren Strukturmerkmale auf ein und dieselbe Täterperson schließen lassen, sofern man bereit ist, die Möglichkeit einer fortdauernden, dissoziativ gespaltenen Tatherrschaft eines Berufsmenschen anzunehmen, der jeweils zwischen den Taten seinen Beruf in einer Weise ausübte, die die eigenen Taten in das Bild fremder Taten überführte und auf diese Weise sowohl die juristische als auch die seelische Verarbeitung an Ersatzpersonen delegierte. Diese Ersatzpersonen, sieben Männer (Sobczak, Buschhardt, Hoegen, ein nach Aktenlage zu rekonstruierender vierter, von dem der Proband nur den Vornamen Karl-Heinz besitzt, ein fünfter Reinhold, ein sechster Volker und Petrie als siebenter), haben sich, nach übereinstimmender Aussage zweier von ihnen (Buschhardt am 11. April 2026 in Eckernförde, Petrie am selben Tag in Lübeck-Lauerhof), in einem nicht ausgesprochenen, aber wirksamen Einverständnis dazu bereitgefunden, das Schweigen, das vom Probanden ausging, zu spiegeln, indem sie selbst schwiegen, womit sie das Sprechen des Probanden, das berufliche Sprechen, erst möglich machten. Der Proband hat von dieser Vereinbarung erst am 11. April 2026 Kenntnis erlangt.

Befund zum heutigen Untersuchungszeitpunkt, 12. April 2026: voll erhaltene Einsichtsfähigkeit; voll erhaltene Steuerungsfähigkeit; volle Schuldfähigkeit hinsichtlich aller Handlungen, die der Proband ab dem heutigen Datum vornehmen wird. Dies betrifft insbesondere die Niederschrift dieses Gutachtens, die Übergabe an die zuständige Polizeidienststelle und die nachfolgende kooperative Mitwirkung am Verfahren, dessen Einleitung er hiermit beantragt.

Während der Niederschrift, etwa gegen elf Uhr, klingelte das Telefon in der Praxis. Stoll hob ab. Es war eine Beamtin der JVA Lübeck-Lauerhof, die ihm mitteilte, daß der Proband Petrie sich am Vormittag in der Bibliothek der Anstalt einen Schreibblock ausgeliehen und um halb zehn am Aufsichtshäuschen einen verschlossenen Briefumschlag abgegeben habe, mit der Bitte, dieser Umschlag möge an Dr. Hartwig Stoll weitergeleitet werden, dessen Adresse Petrie auf der Vorderseite vermerkt habe. Die Beamtin fragte, ob Stoll mit der Weiterleitung einverstanden sei, da der Inhalt eines solchen Schreibens, formal, einer Sichtprüfung unterliege. Stoll sagte: leiten Sie weiter, ohne Sichtprüfung. Die Beamtin, eine ältere, an deren Stimme er ihre lange Diensterfahrung erkannte, sagte: das ist ungewöhnlich, Herr Doktor. Stoll sagte: nichts ist ungewöhnlich an dem heutigen Tag. Sie sagte, in einer Pause, die ihm, weil er die Pausen am Telefon zu lesen verstand, mehr verriet als das, was sie sagte: Sie haben recht, Herr Doktor. Sie wird Ihnen morgen vormittag zugehen.

Er legte auf. Er saß einen Augenblick lang mit dem Bleistift in der Hand. Er notierte am Rand seines Manuskripts in einer kleineren Schrift: „während der Niederschrift Anruf JVA Lübeck, Petrie schickt mir einen weiteren Brief, der nicht abzuwarten ist.” Er schrieb weiter.

Empfehlung: Der Proband ist hinsichtlich der Tat vom 19. Mai 1992 (Hannelore Stoll) als zum Tatzeitpunkt schuldunfähig zu betrachten. Hinsichtlich der sechs weiteren Taten (1996 bis 2012) bittet der Proband um eine erneute, von einem unabhängigen Sachverständigen vorzunehmende Begutachtung. Der Proband fühlt sich nicht in der Lage, hinsichtlich dieser Taten ein eigenes Urteil über die Voraussetzungen der §§ 20, 21 StGB zu fällen, da er die Tatzeitpunkte nicht in Erinnerung hat und die Möglichkeit einer wiederholt auftretenden dissoziativen Tatherrschaft, die zwischen den Taten den fortgesetzten Berufsalltag als Sachverständigen zuließ, eine Konstellation darstellt, die in der forensischen Literatur nicht beschrieben ist und für deren Beurteilung der Proband sich nicht selbst, gerade weil er Sachverständiger ist, als zuständig betrachten möchte.

Der Proband bittet abschließend um Vermerkung, daß er die sechs verurteilten Männer als Mitwisser betrachtet, die in Kenntnis der Wahrheit geschwiegen haben. Er bittet jedoch ausdrücklich, gegen diese Männer nicht wegen Strafvereitelung oder ähnlicher Tatbestände vorzugehen, da ihre Handlung, das stillschweigende Schweigen, die einzige Form der Wahrheit war, die ihnen unter den gegebenen Umständen zu Gebote stand und die der Proband, hätte er sie gewußt, in einem Gutachten als Form mitmenschlichen Verhaltens ohne weiteres anerkannt hätte, möglicherweise sogar als bewundernswert. Der Proband bittet weiterhin darum, daß für jeden der sechs eine Wiederaufnahme des Verfahrens eingeleitet werde, mit der ausdrücklichen Empfehlung, sie freizusprechen, und mit dem ausdrücklichen Hinweis, daß der Freispruch ihnen nicht zurückgeben kann, was sie aufgegeben haben, daß er ihnen jedoch das Mindeste zurückgibt, was eine Justiz, die jahrzehntelang ihre Schweiger als ihre Geständigen behandelt hat, ihnen schuldig ist.

Unterschrift: Hartwig Stoll. 12. April 2026. Vierzehn Uhr fünfzehn.

Er las das Gutachten ein zweites Mal, korrigierte zwei Tippfehler, die er nicht gemacht hatte, denn er hatte mit Bleistift geschrieben und nicht getippt, aber dort waren zwei Stellen, die korrigiert werden mußten, also korrigierte er sie. Er fand, beim zweiten Lesen, daß das Gutachten zu lang war, und er hätte, hätte ihm jemand dieses Gutachten als Sachverständigem zur Begutachtung eines anderen Sachverständigen vorgelegt, vermerkt, daß die Vorbemerkung zu lang sei und daß ein Sachverständiger, der seine eigene formale Unzulässigkeit so ausführlich begründe, mutmaßlich an einer leichten obsessiven Komponente leide. Er strich nichts. Er ließ alles stehen.

Er legte das Gutachten in einen braunen Umschlag, beschriftete ihn mit dem Aktenzeichen, fügte die zwei handschriftlichen Listen bei sowie die Postkarte vom 15. Mai 1992, die er, nach kurzem Zögern, in eine Klarsichthülle steckte, denn die Karte war neunundsechzigfach gefaltet worden, in der Beweissicherung, die er hier vornahm, hatte sie es verdient, geschützt zu werden, und schloß den Umschlag.

Er nahm den Mantel vom Haken im Flur, ging hinaus. Bevor er aus dem Haus trat, hielt er einen Augenblick auf der Schwelle, was er noch nie getan hatte, denn er hatte die Schwelle des Hauses am Knooper Weg seit einunddreißig Jahren ohne Pause überschritten, in einer Bewegung, die der Übergang zwischen Innen und Außen erlaubte, ohne daß er sie als Übergang empfunden hätte; jetzt empfand er sie als Übergang, und er stand einen Augenblick auf der Schwelle und sah über den Knooper Weg hinüber, sah die Sonne sich in dem leeren Schaufenster des Friseurs Maczek brechen, sah in dem Spiegel, der dort hing, die eigene Gestalt, die nicht nachhing, denn sie stand still, und er bemerkte, daß ein Spiegelbild nur dann nachhängt, wenn der Betrachter sich bewegt, und daß ein Mensch, der auf der Schwelle steht, mit seinem eigenen Spiegelbild gleichauf ist, was, hatte er sich, in seinen Gutachten, oft notiert, eine Konstellation sei, die sich in einem Berufsleben höchstens drei oder vier Mal ergibt und die fast immer einer Lebensentscheidung vorausgeht.

Er trat von der Schwelle. Er ging zu Fuß. Er hatte den Schlüssel im Schloß stecken lassen. Er kehrte um, zog ihn ab, ging zurück, zog die Tür ins Schloß. Er ging weiter. Er ging die Holtenauer Straße hinunter, weil er die Straßenbahnlinie, die es nicht gab, in seinem Kopf benutzte, also die Strecke der nicht existierenden Linie 5 abging, die er, in einer kleinen privaten Beharrlichkeit, sein Leben lang in Kiel nicht aufgegeben hatte, weil eine Stadt, hatte er einmal in einem nicht veröffentlichten Aufsatz geschrieben, ihre nicht gebauten Linien dem Bürger als ebenso reale Wegoptionen schuldet wie ihre gebauten, und an diesem Nachmittag, in der Lücke zwischen Praxis und Wache, war er froh über die Linie 5, weil sie ihm einen Weg vorgab, der den anderen Weg, den durch eine Stadt, in der er einen Umschlag in einer braunen Hülle trug, mit einer Form von kindlicher Topographie überdeckte. Er ging an dem Hauptbahnhof vorbei, hörte den Lautsprecher einen Zug nach Hamburg ankündigen, dachte einen Augenblick lang, er könne in den Zug steigen, dachte aber nicht weiter daran, denn er trug den Umschlag, und der Umschlag wog mehr als ein Zug nach Hamburg.

Auf der Polizeiwache in der Mühlenstraße war wenig los. Ein älterer Beamter saß am Tresen und las eine Zeitung, das Lübecker Stadtblatt aus dem Vortag, die er beim Eintritt Stolls weglegte. Er war Mitte sechzig, in der Statur eines Mannes, der lange im Stehen Dienst getan und zuletzt, im Vorruhestand sicherlich, an einen Tresen versetzt worden war, mit grauem Schnurrbart und einem Goldzahn, den Stoll, weil er ihn in einer Verfahrensbeschreibung von 1996 wiedererkannte, an dem Mann zuordnen konnte, ehe dieser den Mund öffnete: Kuhnke, Karsten Kuhnke, Polizeihauptkommissar a.D., damals Kollege im Kommissariat 1, später, in einem Verfahren, das Stoll nicht angekündigt zu haben behauptet hatte, das er aber, das wußte er nun, sehr wohl angekündigt hatte, eingestiegen, schließlich verurteilt, schließlich entlassen.

Der Beamte sagte: kommen Sie. Womit kann ich.

Stoll sagte: ich möchte eine Selbstanzeige aufgeben.

Der Beamte sah ihn an, lange. Sagte: kennen wir uns.

Stoll sagte: ich glaube schon.

Der Beamte sagte: ja. Sie haben mich begutachtet. 1996. Ich war Polizist hier in Kiel, ich war damals beschuldigt, ich saß zwölf Jahre, ich war es nicht. Sie waren freundlich. Ich habe nichts gesagt damals, weil ich gesehen habe, daß Sie nichts wußten. Ich habe gesehen, daß Sie es waren, der die Anzeige aufgenommen hatte gegen mich, am ersten Abend, bevor man mich zum Beschuldigten machte. Sie waren der erste, der den Tatort betreten hat. Sie haben die Tote angesehen. Sie haben mich angesehen. Sie haben gesagt: er hat es getan. Ich habe geschwiegen. Ich habe später Buschhardt davon erzählt, im Hafenkrug, wir trafen uns dort einmal nach meiner Entlassung, es war ein Zufall, er kannte den Wirt, ich kannte den Wirt nicht, aber Buschhardt erkannte mich, wir waren über eine Woche im selben Trakt gewesen, und er sagte: Sie sind der erste gewesen. Wir haben es übernommen.

Stoll legte den Umschlag auf den Tresen.

Kuhnke nahm ihn entgegen, blätterte die Seiten durch, sehr langsam, las nicht laut. Er las die Vorbemerkung. Er las den Befund zum Tatzeitpunkt. Er las die Empfehlung. Er las die Postkarte, die er aus der Klarsichthülle nicht herausnahm, die er aber gegen das Licht hielt, um die Schrift zu lesen, ohne die Karte zu berühren. Er las die zwei Listen. Er hielt zwischendrin inne, einmal nach der Vorbemerkung, einmal nach dem Befund, einmal in der Mitte der ersten Liste; bei der ersten Pause sah er Stoll an, ohne etwas zu sagen, bei der zweiten sah er aus dem Fenster der Wache hinaus, hinter dem ein Hund, kein eigener, sondern der einer Frau, die vor der Wache wartete, an einem Laternenpfahl die Hinterbeine hob, und Kuhnke sah dem Hund zu, ohne sich zu wundern, und bei der dritten Pause, als er bei dem Eintrag „M 11/99 — Manfred Hoegen — Reinigungskraft Klinikum Flensburg — direkte Nachfolgerin Liselotte Brendels, ehemals Düppelstraße” angekommen war, schloß er kurz die Augen, was, dachte Stoll, der professionelle Reflex eines Polizisten war, der einen Namen erkannte, den er nicht hatte erkennen wollen. Er sagte nicht, was er las. Nach einer Weile sagte er: ich werde das weiterleiten. Möchten Sie hierbleiben oder zurückkehren in Ihre Praxis.

Stoll sagte: ich weiß es nicht.

Kuhnke sagte: dann gehen Sie. Es wird Sie jemand abholen kommen. Spätestens morgen.

Stoll sagte: Herr Kuhnke. Verzeihen Sie mir.

Kuhnke sagte: nein.

Stoll nickte. Er drehte sich zur Tür.

Kuhnke sagte: Herr Doktor Stoll.

Stoll drehte sich um.

Kuhnke sagte: nicht mir. Den anderen. Wenn sie es wollen. Aber, glaube ich, sie wollen es nicht. Sie haben das, was sie wollten, schon gehabt. Sie haben es gehabt, indem sie geschwiegen haben. Sie haben sich, in den dreißig Jahren, einen Sinn gemacht, den Sie ihnen geschenkt haben, ohne es zu wissen. Wir haben uns alle, jeder von uns, eine Würde gebaut aus dem, was Sie uns abverlangt haben. Wenn Sie uns jetzt um Verzeihung bitten, nehmen Sie uns die Würde wieder weg. Ich bitte Sie nicht zu sprechen. Ich bitte Sie zu schreiben.

Stoll sagte: ich habe geschrieben.

Kuhnke sagte: dann ist es gut. Gehen Sie.

Stoll ging hinaus. Er stand auf der Mühlenstraße. Es war noch hell, nicht mehr früh und nicht mehr spät, ein Aprilabend, der nicht entscheiden wollte. Er sah zum Knooper Weg hinüber, wo die Praxis war, und er sah in die Gegenrichtung, wo der Hafen lag. Er konnte sich nicht entscheiden, in welcher Richtung das Haus stand, in das er hätte zurückkehren sollen, denn beide Richtungen erschienen ihm gleich vertraut und gleich fremd, und er war einundsechzig Jahre alt und hatte vergessen, in welcher Richtung sein eigenes Haus stand.

Er ging die Mühlenstraße hinunter, langsam, ohne Eile, mit jenem Gang, von dem er, vor langer Zeit, in einem Gutachten geschrieben hatte, daß er der Gang eines Mannes sei, der den Tatort verläßt, ohne sich zu hetzen. Er ging an einem geschlossenen Friseurladen vorbei, in dessen Schaufenster, das nicht abgeklebt war, ein Spiegel hing, der beim Vorbeigehen die Gestalt eines Mannes warf, der, weil das Schaufenster eine geringfügige Krümmung hatte, ein wenig nachhing, eine Krümmung, die ein Spiegelbild dazu brachte, einen halben Schritt zurückzubleiben, und Stoll, der, wenn er ehrlich war, dieses Phänomen schon einmal beobachtet hatte, ohne ihm Beachtung zu schenken, sah in die Gegenrichtung, weil er, das war eine alte Sachverständigenregel, die Bestätigung eines Befundes vermeiden wollte, den er nicht gesucht hatte.

Am Ende der Mühlenstraße, an der Kreuzung zur Hörn, blieb er stehen. Er sah in das Hafenbecken hinunter. Er sah ein Boot ankommen, von dem er nicht wußte, woher es kam, und er sah ein Boot ablegen, von dem er nicht wußte, wohin es ging. Er sah, weiter weg, am gegenüberliegenden Ufer, das Licht in einem Fenster, von dem er einen Moment lang dachte, es sei das Fenster der Praxis am Knooper Weg, von dem aber, nach kurzer Prüfung, klar war, daß es ein anderes Fenster sein mußte, denn die Praxis war nicht von der Hörn aus zu sehen, das wußte er, das hätte er, in einer methodischen Anwesenheitsprüfung wie der jetzigen, nicht durcheinanderbringen dürfen, das war eine Auffälligkeit. Er sah das Licht an. Er ging nicht hin.

Er stand an der Kreuzung, ohne sich zu hetzen, und er wartete. Er wartete nicht auf Kuhnkes Auto, denn Kuhnke hatte ihm bis morgen Zeit gegeben. Er wartete nicht auf einen Bus, denn er wußte nicht, wohin er fahren wollte. Er wartete, das wußte er beim Warten, auf Sobczak, der irgendwo in der Stadt sein mußte, mit Hunger, einem Hunger, von dem er gestern gesprochen hatte und über den, das war Stoll bei seinem Heimweg eingefallen, in den achtundzwanzig Jahren niemand zu sprechen gehabt hatte, am wenigsten Sobczak selbst. Er wartete, weil ein Mann wie er, der sein Leben damit verbracht hatte, das Schweigen anderer zu lesen, jetzt darauf angewiesen war, daß ein anderer ihm sagte, was er, Stoll, in seiner letzten Nacht zu lesen habe.

Sobczak kam nicht. Es kam ein Bus. Stoll stieg ein, ohne zu wissen, wohin er fuhr. Im Bus saß eine alte Frau, die einen Korb mit Knospen trug, kleinen, geschlossenen, weißen Knospen, die sie auf dem Schoß balancierte, als seien sie aus Glas. Sie sah ihn an. Sie sagte nichts. Sie sah aus dem Fenster. Stoll sah aus dem Fenster. Der Bus fuhr durch eine Straße, von der er, am ersten Halt, erkannte, daß es nicht die Straße war, in der seine Praxis lag, was ihn, das war eine Auffälligkeit, an der er sich, das war seine letzte berufliche Beobachtung, nicht weiter aufhielt, beruhigte. Der Bus fuhr weiter, eine Schleife um die Innenstadt, an der Universität vorbei, an der medizinischen Klinik, an einem Kindergarten, vor dem Eltern auf ihre Kinder warteten und sie in die Arme nahmen, wenn sie kamen; und Stoll sah, weil er nicht anders konnte, wie ein Vater einer kleinen Tochter, vielleicht vier Jahre alt, das Haar aus dem Gesicht strich und ihr etwas in das Ohr flüsterte, was sie zum Lachen brachte, und er erinnerte sich, daß er, in den Jahren mit Charlotte und Nina, in einer kurzen Phase, vor dem Februar 1992, das mit Nina einmal getan hatte, in einem Kindergarten in Wik, vor dem er sie abholte, weil Charlotte einen Kurs in Eckernförde belegt hatte, und Nina hatte gelacht, in einem Lachen, das ihm, jetzt, im Bus, in einer Schärfe wieder eintrat, die er als die einzige Form der Wiederkehr akzeptierte, eine Form, die nicht aus dem Erinnerungsapparat kam, sondern aus einer Stelle in seinem Brustbein, an der das Wiedererkennen sich, wie er aus zwei seiner ältesten Gutachten wußte, lokalisierte.

Die alte Frau im Bus sagte, ohne ihn anzusehen: das sind Lichtnelken. Stoll sagte: ja. Sie sagte: ich bringe sie zu meiner Schwester. Stoll sagte: lebt sie noch. Sie sagte: nein. Aber das ist auch keine Antwort. Sie sah ihn an, kurz, mit einer Form von Aufmerksamkeit, die er, hätte er sie an einem Probanden gesehen, als spät erworbene Schwesterlichkeit verbucht hätte, und sie sagte: man bringt seinen Schwestern auch dann Blumen, wenn sie nicht mehr leben. Es ist eine Form. Stoll nickte. Er sah aus dem Fenster. Der Bus fuhr durch die Holtenauer Straße zurück, denn er war eine Ringlinie, und Stoll bemerkte, beim zweiten Vorbeifahren am Knooper Weg, daß das Licht in seinem Sprechzimmer brannte, obwohl er es ausgeschaltet hatte, was, hätte er sich begutachtet, eine Auffälligkeit gewesen wäre, an der er sich, das war seine wirklich letzte berufliche Beobachtung, nicht aufhielt.

Am nächsten Morgen, kurz nach sieben, klingelte es an seiner Tür. Stoll, der die Nacht im Sessel im Sprechzimmer verbracht hatte, ohne zu schlafen, in einer Form von Wachsein, die nicht mehr als Wachsein zählte, weil sie keine Bewußtseinsbreite mehr hatte, sondern nur noch einen schmalen, andauernden Streifen, ging hinunter. Vor der Tür stand ein junger Polizist, in Begleitung einer Frau im weißen Kittel, von der er, ohne fragen zu müssen, wußte, daß sie aus Schwentinental war. Sie sagten: Herr Doktor Stoll, wir sind gekommen, Sie abzuholen, freiwillig zwar, aber abzuholen. Stoll nahm den Mantel, ließ die Tür unverschlossen, denn ein Mann, der freiwillig abgeholt wird, schließt nicht ab, und stieg in den Wagen.

Sie fuhren nach Schwentinental, durch einen Vormittag, der heller war, als Stoll es für möglich gehalten hatte, einen Aprilvormittag, der die Kontur der Schornsteinabgase über Wellingdorf in einer Schärfe zeigte, die er, wäre er noch in seinem Beruf, als das Licht eines Tages eingeordnet hätte, an dem ein Sachverständiger besser nicht arbeitet, weil ein zu helles Licht die Sezierung erschwert. In der Klinik wurde er ohne Aufhebens aufgenommen. Eine Schwester wies ihm ein Zimmer zu, ein einbettiges Zimmer im zweiten Stock, mit einem Fenster auf einen kleinen Garten, in dem ein einzelnes Birnenbäumchen stand, was Stoll für eine kleine, dem Anlaß angemessene Spitze des Schicksals hielt, die er, hätte er sie an einem Probanden gehört, als symbolisch übertrieben verbucht hätte. Er legte den Mantel auf das Bett. Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster.

Eine Stunde später kam eine zweite Schwester, mit einem Brief. Sie sagte: Herr Doktor, das ist heute morgen für Sie gekommen, mit einem Boten der Lübecker Anstalt. Sie haben ja, wie ich höre, die Weiterleitung gestern persönlich autorisiert. Stoll nahm den Brief, einen weißen Umschlag, auf dem Petries Handschrift, eine schmale, ältere Schrift mit gleichmäßigem Druck, seinen Namen geschrieben hatte. Er öffnete den Brief.

Auf einer einzigen Seite stand:

Herr Doktor Stoll. Mir ist heute morgen, gegen sieben, einen Augenblick zu früh für die Hofstunde, eingefallen, daß ich Ihnen gestern etwas Wichtiges nicht gesagt habe. Ich habe Ihnen die Geschichte der Sieben gesagt, und Sie haben sie geglaubt, denn ich konnte sehen, daß Sie sie glauben mußten. Ich habe Ihnen aber nicht das andere gesagt, das gesagt werden muß, sonst stimmt die Geschichte nicht. Das andere ist: wir haben in den dreißig Jahren nicht nur geschwiegen. Wir haben in den dreißig Jahren auch geschrieben. Jeder von uns sieben hat, an einer Stelle in seinem Vollzug, einmal an Sie geschrieben. Buschhardt hat den Brief 2008 geschrieben und nicht abgeschickt. Hoegen hat ihn 2014 geschrieben und einer Pflegerin gegeben, ich nehme an, Sie haben den schon. Sobczak hat ihn 1999 geschrieben und an die Anstalt gegeben, die ihn, soweit ich weiß, nicht weitergeleitet hat. Manfred hat ihn 2007 geschrieben, in einem Heft, das wahrscheinlich noch in seinen Sachen liegt; er ist 2018 gestorben, das wußten Sie nicht, das müssen Sie wissen. Karl-Heinz hat keinen Brief geschrieben, soweit ich weiß, denn er war Analphabet, was Sie hätten wissen können, wenn Sie genauer hingesehen hätten, aber er hat 2011, in einer Hofstunde, einem von uns, ich glaube Reinhold, gesagt, was er hätte schreiben wollen, und Reinhold hat es notiert. Reinhold ist 2020 entlassen worden und lebt in Ostfriesland, sein letzter Brief liegt bei seiner Tochter. Volker ist seit 2019 wieder draußen, er lebt in Plön, sein Brief liegt bei seinem Sohn. Ich habe Ihnen meinen Brief gestern, in einer Zusammenfassung, mündlich gesagt, ich werde ihn jetzt, in der vollen Länge, schreiben und zustellen lassen. Wenn Sie die sechs anderen Briefe einsammeln wollen, werden Sie das tun müssen, denn niemand wird sie Ihnen schicken. Sie können das in den nächsten Wochen erledigen, falls Sie noch in der Verfassung sind, eine Reise nach Lübeck, Tarp, Husum, Aurich und Plön zu machen. Ich rate Ihnen, Husum zuerst zu erledigen, denn die Tochter Manfreds ist alt und nicht gut bei Gesundheit. Ich rate Ihnen, Aurich zuletzt zu erledigen, denn Reinhold lebt noch, und Reinhold zu sehen ist, glaube ich, nicht leicht.

Mit freundlichen Grüßen,

Erhard Petrie

Stoll las den Brief zwei Mal. Beim ersten Mal verstand er die Information. Beim zweiten Mal verstand er, daß die Information ihm eine Aufgabe für die nächsten Wochen gab, eine Aufgabe, die er, in der offenen Abteilung der Klinik in Schwentinental, durchaus würde wahrnehmen können, denn er war ja, formal, freiwillig dort, und ein freiwilliger Patient kann Reisen unternehmen, mit Genehmigung der Stationsärztin, soweit der Zustand des Patienten und die Wahrscheinlichkeit seiner Wiederkehr es zuließen, und er, Stoll, würde die Genehmigung erhalten, denn die Wahrscheinlichkeit seiner Wiederkehr war hoch, da er nirgendwo hingehen wollte außer dorthin, wo er kommen mußte.

Er legte den Brief in den braunen Umschlag, in dem die Anstalt ihn ihm geschickt hatte, und schob den Umschlag in die Tasche des Mantels, der auf dem Bett lag. Er sah aus dem Fenster. Das Birnenbäumchen war kleiner als das in seinem Hof in Kiel. Es trug noch keine Knospen.

Er sagte sich, in einer Form, die ihm fremder vorkam als alles, was er in den letzten Tagen sich gesagt hatte: ich werde reisen.

Er stand auf. Er trat zum Fenster. Er sah hinaus, in den Vormittag, in das Aprillicht, in die schräg fallende Sonne, in der ein einzelner Buchfink auf dem unteren Ast des Bäumchens saß und in einer Geräuschlosigkeit den Schwanz wippte, die ihm, hätte er einen Probanden begutachtet, als der einzige Hinweis darauf gegolten hätte, daß die Welt, trotz aller Verfehlungen ihrer Bewohner, eine Form von Beharrlichkeit hatte, die nicht zu erschüttern war.

IX. Restaurierung

Nina Stoll, fünfunddreißig Jahre alt, Restauratorin in einer Münchner Werkstatt, die sich auf die Reinigung von Kirchenmalereien des siebzehnten Jahrhunderts spezialisiert hatte, bekam den Brief am 19. April. Der Brief lag in dem kleinen, gemauerten Postkasten unten am Eingang der Werkstatt in der Türkenstraße, zwischen einer Rechnung des Pinselgroßhändlers in Innsbruck und einem Zirkular der Handwerkskammer, und war an Frau N. Stoll adressiert, mit einem Klebezettel des Briefträgers darunter, der vermerkte, daß die Sendung an eine Vorgängeradresse gegangen, aber freundlicherweise von dort nachgesandt worden war, was bei behördlichen Schreiben, das wußte Nina, auf einen Absender hinwies, der sich seit längerer Zeit nicht mehr nach ihrer aktuellen Anschrift erkundigt hatte.

Sie öffnete den Brief in der Werkstatt, weil ihr in der Türkenstraße kalt geworden war, und las, im Stehen, zwischen einer abgenommenen Marientafel des Meisters von Wasserburg und einer Tasse Kaffee, die ihre Lehrlingin ihr ungefragt hingestellt hatte, was nicht im Brief stand und was sie ihr Leben lang zu wissen aufschieben würde, sondern, in einer kühlen, abgemessenen Sprache, daß ihr Vater, Dr. Hartwig Stoll, am 12. April 2026 gegen 14:30 Uhr in der Polizeiwache Mühlenstraße in Kiel eine Selbstanzeige abgegeben habe, daß er sich seit dem 13. April in der geschlossenen Abteilung der Klinik Schwentinental zur freiwilligen Beobachtung aufhalte, daß ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden sei und daß sie, als nächste Angehörige, um Kontaktaufnahme mit der zuständigen Sachverständigen, einer Frau Dr. Ahrens-Pfaff, gebeten werde. Es stehe ihr frei, hieß es weiter, eine Aussage als Zeugin zu machen, sie sei dazu jedoch nicht verpflichtet. Es sei sicherheitshalber zu erwähnen, daß ihr Vater gegenwärtig medikamentös stabilisiert sei und daß ein Besuch nach vorheriger telefonischer Anmeldung möglich sei. Mit freundlichen Grüßen, im Auftrag.

Sie las den Brief drei Mal. Beim ersten Mal verstand sie nichts. Beim zweiten Mal verstand sie alles, ohne sich erlauben zu wollen, etwas verstanden zu haben. Beim dritten Mal las sie nur die Klebezettel des Briefträgers, der drei Adressen ihrer letzten neun Jahre auf den Umschlag gestempelt hatte, in einer Reihenfolge, die die Reihenfolge ihrer Versuche darstellte, ihren Vater nicht zu kennen: Schleißheimer Straße 117, Marsstraße 8, Türkenstraße 41, jede Adresse mit einem freundlich-bedauernden Querstrich der Behörde versehen. Sie legte den Brief in den Werkstattregalfächern unter einer Pinselrolle ab, ohne zu wissen, warum sie das tat, und arbeitete weiter an der Marientafel, an deren Sockel sie eine Übermalung des achtzehnten Jahrhunderts vorsichtig abnahm, um darunter die ältere Schicht freizulegen.

Sie brauchte, weil sie eine sorgfältige Frau war und das Abnehmen einer Übermalung nicht abbrach, drei Tage, bis sie sich entschied, nach Kiel zu fahren. Am Sonntag früh, am 22. April, nahm sie den Zug. Sie hatte die Kollegin Anna gebeten, die Werkstatt zu beaufsichtigen, und hatte ihr nur gesagt, sie habe „etwas zu klären in Schleswig-Holstein”, was Anna, die ein gutes Maß für die Wortwahl ihrer Werkstatt-Inhaberin hatte, ohne Nachfrage akzeptierte.

Sie kam in Kiel am späten Nachmittag an. Sie ging zu Fuß vom Hauptbahnhof zum Knooper Weg, einen Weg, den sie als Kind oft gegangen war und den sie, in der ersten Zeit ohne ihren Vater, auswendig gelernt hatte, weil ein auswendig gelernter Weg, hatte sie damals mit acht Jahren gesagt, die einzige Form sei, einen Vater im Kopf zu behalten, ohne ihn besuchen zu müssen. Sie kam an dem Haus an, in dem die Praxis war, und sie sah, daß im Sprechzimmer, das Stoll vor zehn Tagen verlassen hatte, eine Lampe brannte, eine kleine Schreibtischlampe, die jemand, vermutlich er selbst, vor seinem Aufbruch nicht ausgeschaltet hatte. Sie hatte einen Schlüssel; sie hatte ihn nie zurückgegeben; sie schloß auf.

In der Praxis war es kalt, denn die Heizung war abgestellt worden. Auf dem Schreibtisch lag ein Bleistift, dessen Spitze abgebrochen war. Daneben ein leeres Wasserglas. Daneben eine Klarsichthülle, in der eine Postkarte mit dem Stadtwappen Schleswigs lag, die Nina, als sie sie gegen das Licht der Schreibtischlampe hielt, wiedererkannte als die Handschrift ihrer Tante Hannelore, von der sie nichts wußte als drei Fotografien und eine Geschichte, die ihr ihre Mutter nicht hatte erzählen wollen. Sie las die Karte. Hartwig, ich denke, wir müssen das einmal in Ruhe besprechen, ich habe dich lange nicht so gesehen wie dich selbst. Sie legte die Karte zurück.

Sie ging in den Aktenkeller, weil sie wußte, daß ein Aktenkeller existierte, ohne ihn je betreten zu haben. Sie zählte die Stufen, denn sie war eine Frau, die Treppen zählte: dreizehn. Im Keller war der Geruch nach Papier, nach Bleistift, nach einem Friesentee, den sie nicht zu kennen schien und der ihr doch sofort vertraut vorkam, weil ihr Vater, in den Jahren mit Charlotte, gelegentlich diesen Tee mit nach Hause gebracht hatte, in einer kleinen Dose, die ihre Mutter ihn hatte aus dem Schrank holen lassen, wenn sie etwas zu erzählen hatte, was sie ihm an einem anderen Tee nicht hätte erzählen können. Sie ging die Aktenwand entlang. Sie suchte nicht; sie sah nur. An dem unteren rechten Ende, hinter einem Karton mit Steuerunterlagen, fand sie einen Hefter ohne Aktenzeichen, dessen Vorderseite mit einem Wort beschriftet war: NINA.

Sie nahm den Hefter heraus. Sie öffnete ihn. Im Hefter lagen sechsundvierzig Postkarten, gestempelt zwischen 1991 und 2024. Sie waren alle von ihrem Vater geschrieben. Sie waren alle nicht abgeschickt. Sie waren adressiert an sie, an ihre jeweilige Adresse, von der ersten Wohnung in Hassee, in der sie als Kind gelebt hatte, bis zur letzten in München. Auf der ersten stand: Liebe Nina, dein Vater hat heute den Versuch gemacht, dir Gute Nacht zu sagen. Es ist ihm nicht gelungen, weil er nicht zu Hause war. Er versucht es morgen. Auf der letzten, mit Datum 14. März 2024, stand: Liebe Nina, ich habe heute beim Aufräumen einen Brief deiner Mutter gefunden, in dem sie mich bittet, ich solle dir niemals erzählen, daß sie mich für anständig hielt. Ich werde es dir nicht erzählen. Ich werde es nur einmal aufgeschrieben haben.

Nina las nicht alle Karten. Sie las nur diese beiden. Sie legte den Hefter zurück. Sie ging nach oben.

Sie packte in der Küche zwei Dinge zusammen, die ihr ihr Vater einmal geschenkt hatte, einen kleinen Pinsel aus Marderhaar, mit dem er, in einer kurzen Zeit, in der er zur Beruhigung gemalt hatte, gearbeitet hatte und den er ihr, als sie sechzehn war, übergeben hatte, mit dem Satz, sie werde damit besser malen können als er, und einen Notizblock, auf dem in seiner Handschrift stand: für Nina, falls sie sich einmal etwas notieren möchte, das sie mir nicht sagt. Sie nahm den Pinsel und den Block. Sie löschte die Schreibtischlampe.

Sie fuhr noch am selben Abend mit einem geliehenen Wagen nach Schwentinental. In der Klinik wurde sie ohne lange Wartezeit empfangen. Sie sagte ihren Namen. Die Pflegerin nickte. Sie wurde in einen Besucherraum geführt, einen anderen als den der JVA Lübeck, aber von einer ähnlichen Geometrie: ein Tisch, zwei Stühle, eine Glaswand. Hinter der Glaswand saß ihr Vater. Er hatte den Mantel an. Er sah kleiner aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Er hob den Hörer auf, nicht eilig, nicht zögerlich.

Er sagte, in dem Tonfall, in dem er sie früher Gute Nacht gesagt hatte, also mit einer Stimme, die sie zum letzten Mal an einem Februarabend 1992 gehört hatte: Nina.

Sie sagte nichts.

Er sagte: ich freue mich, daß du gekommen bist.

Sie sagte: ich bin nicht sicher, ob ich gekommen bin.

Er nickte. Er sagte: das verstehe ich.

Sie sah ihn an. Sie sah, daß er älter war als sie ihn sich gemerkt hatte, daß seine Hand auf dem Hörer ruhig lag und nicht zitterte, daß seine Augen, wenn er sie ansah, eine Form von Wachheit hatten, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Sie hatte sich, in dem Zug nach Kiel, gefragt, was sie sagen würde, und sie hatte sich auf nichts geeinigt, und sie sagte jetzt, was nicht zu ihren Vorbereitungen gehörte: ich habe einen Hefter gefunden im Keller. Mit meinem Namen. In dem sechsundvierzig Postkarten lagen.

Er sagte: ja.

Sie sagte: warum hast du sie nicht abgeschickt.

Er sagte: weil ich, jedesmal wenn ich eine Karte schrieb, in der nächsten Stunde eine andere Karte schreiben mußte, in der ich erklären mußte, was die erste meinte. Und weil ich wußte, daß die erste, ohne die zweite, dich verletzt hätte. Aber die zweite, ich konnte sie nie schreiben. Sie wäre länger gewesen als ich es ertragen hätte. Also habe ich sie beide nicht abgeschickt. Und nach einer Weile wußte ich, daß ich sie sammelte. Es war nicht beabsichtigt. Es war eine Form, in der ein Vater wie ich an seine Tochter denken konnte, ohne daß die Tochter dafür den Preis bezahlen mußte, von ihm gedacht zu werden.

Sie sagte: das ist die längste Antwort, die du mir je gegeben hast.

Er sagte: ja.

Sie schwiegen. Stoll sah, durch die Glaswand, daß seine Tochter eine Frau war, die er nur in den Konturen kannte und deren Inneres er nie hatte vermessen dürfen, und Nina sah, durch die Glaswand, daß ihr Vater ein alter Mann war, der eine Akte über sich selbst verfaßt hatte und nun in einem Besucherraum saß und auf eine Antwort wartete, die ihm seine Tochter nicht zu geben verpflichtet war.

Sie sagte: ich werde nicht aussagen.

Er sagte: das ist gut.

Sie sagte: ich werde aber wiederkommen.

Er sagte: du mußt nicht.

Sie sagte: ich weiß.

Sie hob die Hand. Sie legte sie an die Glaswand, sehr leicht, wie eine Geste, die sie irgendwoher kannte, ohne sie irgendwoher kennen zu können. Stoll, gegenüber, sah die Hand. Er hob seine. Er legte sie auf der anderen Seite an die gleiche Stelle. Sie blieben so. Ihre Hände waren durch die Glaswand getrennt, aber so genau aufeinander, daß man, hätte man die Glaswand entfernt, eine einzige Doppelhand gesehen hätte. Es waren etwa zwei Minuten. Dann nahm Nina die Hand zurück. Sie stand auf. Sie ging hinaus.

Sie fuhr noch in der Nacht zurück nach München, mit dem geliehenen Wagen, der sie auf der A7, kurz vor Kassel, in eine Müdigkeit zwang, in der sie einen Augenblick lang dachte, sie höre den Pinselgroßhändler aus Innsbruck telefonisch eine Lieferung ankündigen, eine Lieferung Marderhaarpinsel, die nicht angekündigt worden war, und sie hielt an einer Raststätte, wusch sich am Waschbecken die Hände, sehr lange, und ein Mann, der neben ihr stand, ein Mann von vielleicht sechzig Jahren, in einem grauen Anzug, sah sie im Spiegel an und sagte: alles in Ordnung. Sie sagte: ja, danke. Er sagte: das war keine Frage. Sie sah ihn an. Er trocknete sich die Hände, langsam, an einem Papierhandtuch, das er aus dem Spender zog, und er warf das Handtuch in den dafür vorgesehenen Behälter, und er sagte, ohne sie anzusehen: man muß nicht fragen, was man sieht. Er ging hinaus.

Sie wußte nicht, ob der Mann ein Hellseher gewesen war oder ein Pfarrer oder ein gewöhnlicher Mann, der einer anderen, die sich an einem Waschbecken die Hände waschen will, mit einer Form von Höflichkeit ansieht, die in dieser Republik selten geworden sei, oder ob sie, Nina, in einem Zustand, der einer Begutachtung bedurft hätte, sich diesen Mann ausgedacht hatte, was sie für möglich hielt, weil sie die Stimme des Mannes nachher nicht mehr genau wußte und das Gesicht nicht und den Anzug nur als grau, was, hätte sie sich an die Worte ihres Vaters in einer seiner alten Schriften erinnern können, an die sie sich nicht erinnern konnte, weil sie sie nie gelesen hatte, die geringste Detailtreue sei, die ein Berufsmensch einer realen Begegnung zubilligen dürfe. Sie fuhr weiter.

In München, am frühen Morgen, ging sie in die Werkstatt. Sie nahm den Brief aus dem Regalfach unter der Pinselrolle. Sie las ihn ein viertes Mal. Sie legte ihn zurück. Sie ging zu der Marientafel und nahm die Übermalung weiter ab, an der sie vor drei Tagen aufgehört hatte. Unter der Übermalung erschien, langsam, eine Inschrift, die niemand in den vorhergehenden zwei Jahrhunderten gesehen hatte. Sie las die Inschrift. Sie war auf Latein. Sie übersetzte sie für sich, weil sie nicht müde war: „Wer schweigt, hat den anderen sprechen lassen. Wer spricht, hat den anderen ausgeliefert. Sieh zu, was du tust.” Sie sah auf die Tafel, sehr lange. Sie nahm die Übermalung nicht weiter ab. Sie ließ die Inschrift unter einem dünnen Schutzfirnis stehen, der für die nächsten dreißig Jahre halten würde, und sie schrieb in ihr Restaurierungsbuch, in einer Zeile, die sie nicht zu erklären brauchte, weil sie der zuständigen Diözese gegenüber für einen Laien nicht zu beanstanden gewesen wäre: „Inschrift unter Übermalung; Zustand stabil; Weiterbearbeitung zurückgestellt.” Sie schloß das Buch.

Es war Montagvormittag. Es war im April. Die Sonne stand schon hoch über der Türkenstraße. Nina nahm den Pinsel aus Marderhaar, den sie aus Kiel mitgebracht hatte, säuberte ihn von alten Farbresten, die zwanzig Jahre alt waren, legte ihn in den Köcher zu den anderen Pinseln, die sie täglich benutzte, und begann, an einer Stelle der Marientafel, die die Übermalung schon freigegeben hatte, eine sehr feine Linie zu ziehen, die sie nicht hätte ziehen müssen, aber die ihr, in dem Augenblick, als sie sie zog, das einzige war, was sie ihrem Vater hätte sagen können, ohne ihm etwas zu sagen.

X. Itzehoe

Drei Wochen später, an einem Mittwoch im Mai, fuhr Nina nach Itzehoe. Sie hatte die Postkarten ihres Vaters gelesen, alle sechsundvierzig, in den Abenden nach der Werkstattarbeit, in einer Reihenfolge, die sie selbst festgelegt hatte und die nicht der zeitlichen entsprach, sondern einer, die sie nach dem Anfangsbuchstaben des ersten Worts der jeweiligen Karte gruppiert hatte; eine Ordnung, die sie sich nicht erklären konnte, die ihr aber, jeden Abend, eine Form von Strenge auferlegte, ohne die sie das Lesen nicht durchgehalten hätte. In einer der späteren Karten, datiert auf den 7. November 2019, hatte sie eine Notiz ihres Vaters gefunden, in einer kleineren Schrift am unteren Rand, die nicht zum Karteninhalt gehörte, sondern eher einer Art von Selbstgespräch geglichen hatte: „Brendel, Itzehoe, fragen, was sie weiß. Nicht aufschieben.” Nina hatte die Notiz gelesen, hatte sie ein zweites Mal gelesen, hatte das Internet befragt und herausgefunden, daß eine Liselotte Brendel, geboren 1965, ehemals Sozialarbeiterin in der Düppelstraße in Kiel und später in einer Beratungsstelle in Itzehoe, seit fünf Jahren in der Seniorenresidenz Wittorferstraße wohnte. Sie hatte angerufen. Eine Schwester hatte ihr mitgeteilt, daß Frau Brendel einen Besuch durchaus empfangen könne, daß sie zwar nicht mehr ganz orientiert sei, aber an guten Tagen weite Strecken sich noch erinnere; ein Mittwochnachmittag werde sich anbieten, weil die Visite des Hausarztes dann vorbei sei.

Nina nahm den Zug von München nach Hamburg, dann den Regionalzug nach Itzehoe. Sie kam um halb drei in der Wittorferstraße an. Das Heim war ein Neubau aus den frühen zweitausender Jahren, in einem mit Hortensien bestandenen Vorgarten, an dessen Eingang ein Pförtner saß, ein Mann, der eine Zeitung las und beim Betreten Ninas die Zeitung weglegte und sagte: zu wem möchten Sie. Nina sagte: Frau Brendel. Er sagte: Zimmer 14, zweiter Stock. Sie können den Aufzug nehmen, oder die Treppe.

Nina nahm die Treppe. Sie zählte die Stufen, denn sie war eine Frau, die Treppen zählte: einundzwanzig zwischen Erdgeschoß und erstem Stock, einundzwanzig zwischen erstem und zweitem. Es war ihr lieb, daß die Stockwerke gleich waren, denn ungleiche Stockwerke, das hatte ihre Mutter ihr in einer Münchner Pension einmal beigebracht, in der sie, die Tochter, mit acht Jahren auf einer ungleichen Treppe gestolpert war, seien Tücken, gegen die ein achtsamer Treppenzähler sich nicht wehren könne, weil die Tücke nicht in der Treppe sei, sondern in der Erwartung. Nina kam im zweiten Stock an, ging den Flur entlang, las die Namensschilder, kam zur Vierzehn. Sie klopfte. Eine Stimme sagte: ja. Nina trat ein.

Liselotte Brendel saß in einem Sessel am Fenster, eine Frau Anfang sechzig, mit einer Lesebrille auf der Nase und einem Buch im Schoß, das sie offenbar gelesen hatte, denn ihr Finger hielt eine Stelle. Sie sah Nina an. Sie sagte: Sie sind nicht die Schwester. Nina sagte: nein, ich bin Nina Stoll. Brendel legte das Buch auf den Tisch, langsam, sehr langsam, in einer Bewegung, die etwas Ritualhaftes hatte, und sie sagte: Stoll. Hartwigs Tochter. Nina sagte: ja. Brendel sagte: setzen Sie sich. Da, der Stuhl. Schieben Sie ihn ans Fenster. Ich sehe gerne Ihr Gesicht im Licht, wenn ich rede.

Nina setzte den Stuhl ans Fenster. Sie setzte sich. Brendel sagte: Sie sehen Hannelore ähnlich. In den Augen. Im Mund nicht. Ihr Mund ist, ich weiß nicht, was Sie sind in dem anderen. Ist das Ihre Mutter. Charlotte hieß sie. Ja. Charlotte. Sie haben den Mund Charlottes. Aber die Augen Hannelores. Nina sagte: ich kenne keine Bilder von Hannelore. Brendel sagte: das wundert mich nicht. Hartwig hat alles weggesperrt. Er hat sie aus dem Haus geräumt, schon in den ersten Wochen nach dem Verschwinden, ich war damals dabei, ich habe ihm geholfen, weil er gesagt hat, er könne es nicht allein. Er hat alle Fotos in eine Kiste gelegt und die Kiste in seinen Aktenkeller gestellt, und ich habe ihn gefragt: Hartwig, willst du sie wirklich in den Keller. Er hat gesagt: ja, in den Keller. Er hat es so gemeint. Er hat sie nicht in den Keller gelegt, weil er sie loswerden wollte, sondern weil er, glaube ich, hoffte, daß sie dort, im Keller, eine Art von Aufbewahrungs-Ruhe finden, die er ihr in seiner eigenen oberen Wohnung nicht zubilligen konnte. Es war eine merkwürdige Geste. Ich habe sie nie verstanden. Vielleicht verstehen Sie sie jetzt.

Nina sagte: ich habe nichts in einer Kiste gefunden. Im Keller war ein Hefter, in dem Postkarten lagen.

Brendel sagte: dann ist die Kiste woanders. Vielleicht in dem Schrank in der Wohnung. Er hat einen Schrank gehabt im Wohnzimmer, aus Eichenholz, der eine kleine Tür innen hatte, die wie ein normales Fach aussah, aber tiefer war, ich kenne den Schrank, ich war in der Wohnung 1990 ein paarmal, mit Hannelore. Schauen Sie, wenn Sie nach Kiel zurückkommen.

Nina sagte: ich werde schauen.

Brendel sagte: ich habe etwas für Sie, falls Sie das mitnehmen wollen. Hannelore hat es mir 1992 anvertraut, kurz vor ihrem Verschwinden, ich habe es seither aufgehoben, ich habe nie gewußt, was ich damit tun soll. Ich wollte es einmal Hartwig geben, aber Hartwig war ein Mann, dem man nichts geben konnte, was Hannelore betraf, denn er hat Hannelore betreffende Dinge weder genommen noch zurückgewiesen, er hat sie verschwiegen, was eine schlechtere Form der Annahme ist als das Zurückweisen. Sie sind seine Tochter. Vielleicht ist es jetzt an Ihnen.

Sie stand auf, sehr langsam, denn ihr Knie war schlecht, ging zu einem Schrank, einem schmalen weißen Schrank, der nicht zum übrigen Zimmer paßte, denn das übrige Zimmer war heimartig, das schmale weiße Schränkchen aber war von ihr selbst mitgebracht worden, das sah man, weil es eine Schublade hatte mit einem Schloß, das nicht zum Heim gehörte. Sie schloß die Schublade auf. Sie holte einen Aktendeckel heraus, einen alten, abgegriffenen Deckel mit einem Bindfaden zugebunden. Sie legte ihn auf den Tisch.

Sie sagte: Hannelore hat in den letzten Monaten ihres Lebens an einem Text gearbeitet. Sie hat ihn nicht beendet. Sie hat ihn mir gegeben, an einem Mittwoch, dem 13. Mai 1992, in der Beratungsstelle, mit der Bitte, ihn aufzubewahren, falls ihr etwas zustoßen sollte. Ich habe sie damals gefragt, was zustoßen solle. Sie hat gesagt: ich weiß es nicht. Aber ich glaube, mein Bruder ist in einem Zustand, in dem ich ihn nicht erkenne, und mir ist nicht klar, was passiert, wenn ich ihm das in unserem nächsten Gespräch sage. Sie hatte sich für den Donnerstag, den 14. Mai, mit ihm verabredet. Soviel ich weiß, ist er nicht gekommen, denn er hat den Termin vergessen oder verschoben, und die Verabredung wurde dann auf den darauffolgenden Donnerstag, den 21. Mai, verschoben. Hannelore ist am 19. Mai verschwunden, also zwei Tage davor. Ich weiß nicht, was zwischen den beiden Daten geschah. Ich habe es immer geahnt, ohne es zu wissen. Ich habe geschwiegen, weil ich Hartwig nicht beschuldigen konnte ohne Beweise, und ich habe den Aktendeckel aufbewahrt, weil mir Hannelore es gesagt hatte. Hier ist er.

Nina öffnete den Deckel. Es waren ungefähr vierzig Seiten, mit Hannelores Schrift bedeckt, einer schmalen, ordentlichen Schrift, die Nina aus den Postkarten kannte, die ihre Tante als junge Frau einmal an die Eltern geschickt hatte und die Charlotte aufbewahrt hatte und Nina aus dem Nachlaß ihrer Mutter besaß. Auf der ersten Seite stand, in größerer Schrift, der Titel: „Schweigen als Form. Notizen aus einer Beratungsstelle.” Darunter, in einer Klammer: „(Entwurf, nicht zur Veröffentlichung bestimmt.)”

Nina blätterte. Sie las, an einer beliebigen Stelle, einen Absatz: „Ich beobachte hier seit drei Jahren Frauen, die nicht reden. Sie reden nicht, weil sie reden würden, wenn sie redeten, und das wäre, in der Welt, in der sie leben, eine Form von Selbstaufgabe, die sie nicht leisten können. Sie schweigen also, und ihr Schweigen wird, in einer Verkehrung, die mich täglich erschrickt, von ihren Männern als ihre Aussage gewertet. Die Männer übernehmen das Sprechen für sie. Die Männer bauen aus dem Schweigen ihrer Frauen ein Sprechen, das die Frauen nie gesagt hätten, das aber, weil sie geschwiegen haben, ihre eigene Sprache zu sein scheint. Ich habe begonnen mich zu fragen, ob das eine Eigenheit von Frauen ist oder eine Eigenheit von Männern oder eine dritte Eigenheit, die zwischen ihnen liegt und die ich, in meiner Disziplin, nicht zu benennen verstehe. Ich habe meinen Bruder, der forensischer Psychiater ist, gefragt. Mein Bruder hat gesagt, er übernehme das Sprechen für Männer, die schweigen. Er hat es gesagt, ohne zu erkennen, was er gesagt hatte. Ich habe ihn nicht darauf aufmerksam gemacht. Es ist nicht meine Aufgabe, meinem Bruder die Welt zu erklären. Aber ich glaube, ich werde mit ihm darüber reden müssen, denn er ist in einem Zustand, in dem ich ihn nicht mehr ganz wiedererkenne, und ich glaube, dieser Zustand hat damit zu tun, daß er das Sprechen für Schweigende übernimmt, ohne zu fragen, was die Schweigenden zu sagen hätten, hätten sie das Wort. Ich werde am Donnerstag mit ihm sprechen.”

Nina sah auf. Brendel sah sie an. Brendel sagte: lesen Sie mehr, später, in Ruhe. Nehmen Sie es mit. Nina sagte: ich danke Ihnen. Brendel sagte: bedanken Sie sich nicht. Es war Hannelores Wille. Ich habe ihn nur überdauert.

Nina sagte: Frau Brendel, eine Frage. Glauben Sie, mein Vater wußte, was er war.

Brendel sagte: ich glaube, er hat es geahnt, an manchen Tagen. Aber er hat sich, Hannelore hatte es schon gesehen, in einer Form berufstätig gemacht, in der das Geahnte immer wieder zugedeckt werden konnte. Es ist, sehen Sie, eine Eigenheit gewisser Berufe, daß sie ihren Inhabern erlauben, ihr eigenes Innenleben in der Form fremder Innenleben zu betrachten. Hartwig hat das Innenleben siebenundzwanzig Mal in der Form fremder Innenleben betrachtet. Er hat sich dabei selber nicht gesehen, aber er hat sich gleichzeitig ständig gesehen, das sind die zwei Seiten desselben Vorgangs, ich kann das nicht besser erklären, ich bin nur eine alte Sozialarbeiterin in einer Seniorenresidenz, aber ich glaube, daß Ihr Vater die ganze Zeit gewußt hat und gleichzeitig nicht gewußt hat, und das eine ist die Voraussetzung des anderen. Sie können das, was ich sage, in dem Manuskript Ihrer Tante in einer kürzeren Form lesen. Hannelore hat es schon vor mir gewußt. Sie war eine kluge Frau. Sie war eine sehr kluge Frau.

Sie schwiegen eine Weile. Brendel sagte: gehen Sie jetzt. Ich werde müde. Aber kommen Sie wieder, wenn Sie wollen, ich bin oft hier, ich bin meistens hier, das Heim verläßt man selten, das wissen Sie. Bringen Sie das nächste Mal eine Frage mit, die ich noch nicht beantwortet habe, dann werde ich sehen, ob ich sie beantworten kann.

Nina nahm den Aktendeckel. Sie ging hinaus. Sie nahm die Treppe, einundzwanzig Stufen, einundzwanzig Stufen. Sie ging zum Bahnhof. Sie nahm den Zug nach Hamburg, den Anschluß nach München. Im Zug, kurz vor Würzburg, in einer Stunde, in der die anderen Reisenden schliefen oder Filme sahen oder telefonierten, öffnete sie den Aktendeckel ein zweites Mal und las die ersten zehn Seiten. Sie las langsam. Sie las mit der Sorgfalt einer Restauratorin, die eine Schicht abnimmt, ohne die darunterliegende zu beschädigen. Sie las, und sie hörte, in der Schrift ihrer Tante, eine Stimme, die sie nie gehört hatte, die sie aber wiedererkannte, in derselben Form, in der man eine Stimme wiedererkennt, von der man nicht wußte, daß man sie schon einmal gehört hat.

Sie las bis Würzburg. Sie schloß den Aktendeckel. Sie sah aus dem Fenster, in eine Landschaft, die schon dämmerig war, und sie wußte, daß sie das Manuskript am nächsten Wochenende ihrem Vater bringen würde, in die offene Abteilung in Schwentinental, wo er seit dem 2. Mai untergebracht war. Sie würde es ihm in die Hand geben. Sie würde sagen: Frau Brendel hat mir das gegeben. Es ist von deiner Schwester. Es ist nicht für mich. Es ist für dich. Sie wußte nicht, was er sagen würde. Sie wußte nicht, ob er es lesen würde. Aber sie wußte, daß ein Vater, der ein Selbstgutachten verfaßt hatte, eine Schwester verdient hatte, die ihm ein Manuskript hinlegt, das er, in dreißig Jahren, nicht hatte lesen können, weil er, in dreißig Jahren, weder sie hatte sehen wollen noch sich.

Es war kurz vor München, als sie das letzte Mal die Augen schloß. Im Schoß lag der Aktendeckel mit dem Bindfaden, den sie wieder zugebunden hatte, in einer Schleife, die sie sich von ihrer Mutter abgesehen hatte, einer kleinen, sauberen Schleife, von der ihre Mutter gesagt hatte, eine Schleife sei dazu da, ein Päckchen so zu schließen, daß der nächste, der es öffne, nicht denke, das Päckchen sei zugenagelt, sondern lediglich zugebunden, was ein Unterschied sei, an dem alles hänge.

XI. Schwentinental

Sie fuhr am übernächsten Wochenende nach Kiel. Sie nahm den Zug, weil ein Auto, hatte sie sich gesagt, eine Form sei, in der man, am Ende einer Reise, am selben Punkt ankäme wie am Anfang, in der Hand das Lenkrad, im Bewußtsein die Strecke, die schon gefahren sei, und sie habe nicht das Bedürfnis, am Anfangspunkt anzukommen, sondern an einem anderen, also einem, an dem ihr Vater wartete. Im Zug, kurz vor Hannover, las sie die nächsten zwanzig Seiten des Hannelore-Manuskripts. Sie las nicht alles, denn sie hatte beschlossen, es ihrem Vater zu geben, ohne es selbst ganz gelesen zu haben, in einer Geste, die sie nicht ganz erklären konnte, die ihr aber, in der Form, in der sie sie sich gewählt hatte, gerecht erschien: ein Manuskript der Tante an den Bruder, durch die Hand der Tochter, die nicht prüft, was sie übergibt.

Sie kam in der Klinik in Schwentinental am Samstagvormittag an. Es regnete leicht. An der Pforte saß eine Frau, eine andere als beim ersten Besuch, die ihr eine Besuchskarte gab, ohne sie zu erkennen, und Nina stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf, ging den Flur entlang, klopfte an Zimmer einundzwanzig, in dem ihr Vater seit dem 2. Mai untergebracht war. Eine Stimme sagte: ja. Sie öffnete.

Stoll saß am kleinen Tisch am Fenster, in einem Hemd und einer Strickjacke, die sie ihm nie gesehen hatte, in einer Haltung, die ihr fremder vorkam als die Haltung des Mannes hinter der Glaswand bei ihrem ersten Besuch, denn dieser Mann hatte gewußt, daß er an einem Ort sei, an dem er Besuch hatte, dieser hingegen, der jetzt am Tisch saß, sah aus, als sei er an einem Ort, an dem er nicht mehr Besuch erwartete. Er sah sie. Er sagte: Nina. Er sagte es so, wie er es vor sechsunddreißig Jahren gesagt hatte, im Februar 1992, in der Wohnung am Knooper Weg, an dem letzten Abend, an dem er sie zu Bett gebracht hatte, kurz bevor Charlotte ihre Sachen packte und nach Hassee zog: Nina, Gute Nacht.

Nina sagte: ich habe dir etwas mitgebracht.

Sie setzte sich auf den anderen Stuhl. Sie legte den Aktendeckel auf den Tisch. Sie sagte: Frau Brendel hat mir das gegeben. Es ist von Hannelore. Sie hat es 1992 angefangen, eine Woche vor ihrem Verschwinden hat sie Brendel den Deckel anvertraut. Es ist nicht für mich. Es ist für dich.

Stoll sah den Deckel an. Er rührte ihn nicht an. Er sagte: ich danke dir. Er sagte es leise, in einer Form, die ihr unbekannt war, denn sie kannte das Wort Dank in der Stimme ihres Vaters nicht. Er hatte es ihr in den dreißig Jahren, in denen sie ihn beobachtet hatte, immer in der Form von „danke” gesagt, einer abkürzenden, nicht an einen Empfänger adressierten Kürzung, die Charlotte einmal in der Küche von Hassee als „den dürftigsten Dank, den ich kenne” bezeichnet hatte. Jetzt sagte er „ich danke dir”, in voller Länge, und die zwei zusätzlichen Worte gegenüber „danke” waren das, was ihn im Augenblick, in dem er sie sagte, aus der Form herausführte, in der sie ihn ihr Leben lang gekannt hatte.

Er löste den Bindfaden. Er klappte den Deckel auf. Er las nicht weit. Er las den Titel, las die Klammer, las den ersten Absatz. Er las stumm. Er las langsam. Er las, sah Nina, las weiter, sah noch einmal Nina, schloß den Deckel.

Er sagte: ich werde das hier nicht lesen. Ich werde es nehmen und es lesen, wenn ich allein bin. Wenn du nichts dagegen hast.

Nina sagte: nichts dagegen. Es ist deins.

Sie schwiegen. Stoll sah aus dem Fenster, in den nieselnden Aprilregen. Er sagte: ich werde in den nächsten Wochen reisen. Eine kleine Tour. Ich werde versuchen, einige Briefe einzusammeln, die jemand mir gesagt hat, ich solle einsammeln. Es sind sechs Briefe. Sie sind in fünf Städten. Wenn du Zeit hast, könntest du, wenn du wolltest, an einem dieser Briefe mit mir vorbeifahren. Ich werde das nicht von dir verlangen. Aber ich frage es dich, weil ich es nicht weiß, ob ich es alleine kann.

Nina sagte: welche Stadt.

Stoll sagte: Husum. Petrie hat geschrieben, in Husum solle ich zuerst hingehen, denn die Tochter eines der sechs ist alt und nicht gut bei Gesundheit. Es ist ein Brief eines Mannes namens Manfred Hoegen — nicht zu verwechseln mit dem Manfred, von dem Petrie auch sprach, einem anderen Mann, der 2018 gestorben ist und dessen Heft bei seiner Tochter in Husum liegen soll. Ich werde wahrscheinlich am übernächsten Mittwoch fahren, wenn die Genehmigung kommt.

Nina sagte: ich kann am Mittwoch nicht. Aber ich kann am Donnerstag.

Stoll sagte: dann am Donnerstag.

Nina sagte: ich nehme den Zug.

Stoll sagte: ich auch.

Sie schwiegen wieder. Eine Schwester kam herein, eine Frau in einem hellblauen Kittel, die Nina an Frau Hoegen erinnerte, die aber nicht Frau Hoegen war, denn sie war jünger und sprach norddeutsches Deutsch ohne Hannoveraner Verwurzelung. Sie sagte: Herr Stoll, das Mittagessen ist um zwölf, möchten Sie heute im Speisesaal essen oder hier. Stoll sagte: heute hier, danke. Die Schwester nickte, ging hinaus.

Stoll sagte: möchtest du mitessen. Es gibt sicher einen Teller mehr, wenn ich frage.

Nina sagte: ja. Ich werde mit dir essen.

Sie aßen, gegen halb eins, an dem kleinen Tisch am Fenster, eine Schwentinentaler Kohlroulade mit Kartoffeln und Mostmehl, einen Apfelkompott zum Nachtisch, sie tranken beide Wasser, Stoll aus einem Glas, das er bis zur Hälfte gefüllt hatte und das er, einmal, im Verlauf des Essens, ganz austrank, was Nina, die ihn das nicht je hatte tun sehen, ohne Bemerkung zur Kenntnis nahm.

Nach dem Essen sagte Nina: ich gehe jetzt. Ich melde mich am Mittwoch wegen Donnerstag.

Stoll sagte: ja.

Sie stand auf. Sie ging zur Tür. An der Tür drehte sie sich um. Sie sah ihren Vater am Tisch sitzen, den Aktendeckel vor sich, die Hände auf dem Deckel, ohne ihn zu öffnen, in einer Haltung, die ihr, hätte sie ein Bild davon machen können, das einzige Bild ihres Vaters geworden wäre, von dem sie hätte sagen können: das ist er. Sie sagte: Vater. Stoll hob den Kopf. Sie sagte nichts weiter. Sie hob die Hand, kurz, in einer kleinen Geste. Stoll hob seine. Sie waren auf zwei Seiten des Zimmers, zwischen ihnen kein Glas, aber ein Tisch, ein Bett, ein Schrank, ein Birnenbäumchen vor dem Fenster und sechsunddreißig Jahre, in denen ein Wort, das nicht ausgesprochen worden war, von beiden Seiten als gleichmäßig schwer empfunden worden war.

Sie ging hinaus. Sie ging die Treppe hinab, einundzwanzig Stufen, einundzwanzig Stufen — diesmal allerdings, im Anschluß, dreizehn weitere, denn die Treppe in das Erdgeschoß der Klinik hatte aus Gründen, die sie nicht prüfte, eine ungleichmäßige Aufteilung in Zwischengeschossen. Sie ging an der Pforte vorbei. Die Pförtnerin sagte: kommen Sie wieder. Nina sagte: ja.

Sie ging zum Bahnhof. Sie nahm den Zug nach Hamburg, nach München. Im Zug, kurz vor Hannover, las sie das Buch, das sie in der Werkstatt vor zwei Wochen begonnen hatte, einen Roman einer dänischen Autorin, von dem sie in der Bahnhofsbuchhandlung in München beim Hinausfahren ein Exemplar gekauft hatte. Sie las in einer Konzentration, die ihr nicht mehr zustand seit dem Brief der Anwältin, die sie aber jetzt, in dem Zug zurück, in einer Form wiederfand, der sie es nicht zugemutet hätte, sich in den letzten Wochen zu zeigen.

In München, in der Werkstatt, kam sie am Sonntagvormittag an. Sie nahm die Marientafel, die noch immer nur halb fertig war, vom Bock. Sie sah die Inschrift unter dem dünnen Schutzfirnis. Sie sah die feine Linie, die sie vor zwei Wochen gezogen hatte. Sie nahm einen Pinsel — nicht den von ihrem Vater, sondern einen anderen, einen größeren, ein Werkstattpinsel, den sie selbst gekauft hatte, in einer früheren Phase ihrer Laufbahn — und begann, die nächsten zwei Quadratzentimeter der Übermalung abzunehmen, an einer Stelle des Bildes, von der sie noch nicht wußte, was darunter zum Vorschein kommen würde. Sie arbeitete den ganzen Sonntagnachmittag. Am Abend, als sie aufstand, war eine zweite Hand zu erkennen, die an dem Saum eines Mantels hing, von einer Figur, die sich bisher nicht hatte ausmachen lassen. Ob es sich um den Maler des fünfzehnten Jahrhunderts handelte, der sich, in einer im Mittelalter nicht unüblichen Geste, am Rande seiner eigenen Arbeit verewigt hätte, oder um einen Stifter, von dem die Inschrift vielleicht später handeln würde, war noch nicht zu sagen. Sie ließ es offen. Sie schloß die Werkstatt ab. Sie ging in ihre Wohnung. Sie kochte sich nichts. Sie schlief auf dem Sofa, in einem Schlaf, der, wie sie am Montagmorgen feststellte, ohne Träume gewesen war, was eine Auffälligkeit war, an der sie, hätte sie sich begutachtet, sich nicht aufgehalten hätte, da eine Frau, die ein Manuskript ihrer verstorbenen Tante an den Vater übergeben hatte, das Recht habe, einen Schlaf ohne Träume zu schlafen, jedenfalls in der einen Nacht, in der die Übergabe noch lag.